Einer dieser Tage

Sechs Tage arbeiten am Stück. Der Wecker klingelt in aller Frühe und einmal ausschlafen fühlt sich verlockend an. Ist nicht. Fotorucksack ist gepackt und es geht zum Ring. Nach dem schnee- und frostbedingt abgesagten ersten NLS-Rennen gibt es einen neuen Anlauf. Trotz der Müdigkeit freue ich mich darauf. Auf das Wiedersehen mit den EiFelkindern und darauf, endlich den „Pisti“ in Action zu sehen. Der Ur-Papagei feiert im schwarz-orangenen Papagei-Design sein Wiederauferstehen und darf die Nordschleife in den neuen Sponsorenfarben unter die Räder nehmen.

Die Autobahnen sind angenehm leer, so lasse ich es fliegen, während aus den Boxen Thin Lizzy kommt. „The Boys are Back in Town“. Lange nicht gehört. In Gedanken bin ich schon am Ring, wo dieses Wochenende Max Verstappen zu Gast ist und als Vorbereitung fürs 24h-Rennen seine Runden in der NLS abspulen darf. Alleine das verspricht, dass es voll wird. Wie voll, weiß ich es nicht, rechne aber mit dem Schlimmsten. Andrang wie beim 24h-Rennen vielleicht.

Die Vorausahnung bestätigt sich, als es eine lange Schlange auf der Zufahrt zum Parkplatz gibt. Zum Glück erwische ich noch einen Platz auf Parkplatz A6, während mir der Verstappen-Hype ein wenig auf dem Keks geht. Der Rennserie wird es gut tun und wahrscheinlich wird für ein „normales“ NLS-Rennen ein neuer Zuschauerrekord aufgestellt. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob es wirklich einen Formel1-Weltmeister braucht. Bei der NLS wird seit zig Jahren guter und spannender Motorsport geboten, von der Action auf der Strecke bis hin zur Dramatik in der Box und unerwarteten Wendungen. Egal.

Ich komme am EiFelkind-Motorhome an. Alles wie gewohnt, Verstappen hin oder her. Es ist schön, wieder da zu sein und es liegt nicht nur an dem Kaffee und dem Frühstück. Auf der Strecke ist das Qualifying im Gange, doch der „Pisti“ steht in der Box. Das Auto führt im Moment die Klasse an, doch es gibt Probleme. Kurzerhand wird das Getriebe ausgebaut und nach dem Problem geschaut. „Wenn es weiter nicht geht, müssen wir das Getriebe wechseln“, höre ich. Es werden Erinnerungen an das Getriebe-Blues von vor zwei Jahren wach. Bitte nicht.

Ich versuche, nicht im Wege zu stehen und die Speicherkarte füllt sich mit Bildern. Keine Spur von Drama, es wird einfach konzentriert gearbeitet. Manchmal ist ein Rennwochenende wie eine Wundertüte – man weiß nie, was kommt. Man kann nur auf das Beste hoffen und mit dem Schlimmsten rechnen. Und sein Bestes geben. Egal, wo und wer. Kurz vor dem Ende des Qualifyings scheint das Problem gefunden zu sein und Pisti geht nochmal auf die Strecke. Innerlich feiere ich dieses Moment.

Beim Pitwalk merkt man schon den Verstappen-Faktor. Es ist fast so voll wie beim 24h-Rennen. Dank der Media-Weste könnte ich jetzt versuchen, bei Winward Racing vorbeizuschauen und Fotos vom Verstappen zu schießen. Nix da, geht mir am Allerwertesten vorbei. Mein Platz ist bei EiFelkind. Die Zeit bis zum Gridwalk vergeht zwischen Teamzelt, Kaffee und Fotos schnell.

Das Eifelwetter zeigt sich von seiner schönsten Seite, als die Autos zum Grid aus der Box losfahren. Das verspricht ein gutes Rennen zu werden. Ich schieße meine Fotos auf die Grid, während, wie immer, das „Helfer raus“-Schild viel zu schnell kommt. Während ich zurück zur Box gehe, wünsche ich mir, dass beide Autos durchhalten.

Für das Rennen fahre ich zuerst zum Schwalbenschwanz. Diese Location habe ich mittlerweile liebgewonnen. Es geht mit dem üblichen Fotografen-Einsatz weiter. Mitziehen, auf dem Auslöser, Motorsport und das herrliche Eifelwetter genießen. Doch die Freude wird getrübt. Während nicht nur Verstappen, sondern auch Exoten wie der KTM X-Bow und der BMW-Kombi mir vor die Linse fliegen und der Papagei schon zum zweiten Mal an mir vorbeifährt, fehlt vom Pisti jede Spur. Ich erkundige mich nach dem aktuellen Stand. Getriebeprobleme, in Führung in der Klasse liegend ausgeschieden.

Zum Trauern ist keine Zeit – es geht weiter. Brünnchen, Eiskurve und der namenlose Hügel danach. Gepaart mit einem fotografischen Experiment, das ich spontan wage. Abertausende Bilder landen auf der Speicherkarte, während der Papagei unbeirrbar seine Runden zieht. Die Führung ist dabei das i-Tüpfelchen. Den Papagei fliegen zu sehen, ist ein schönerer Anblick als alle Exoten oder das Verstappen-Auto.

Der Schlag in den Magen kommt, als ich unterwegs zurück zur Grand-Prix-Strecke bin. „Motor-/Kühlungsschaden, Papagei auch raus.“ Wieder wird man erinnert, wie nah beieinander Freud und Leid im Motorsport liegen. Man könnte darüber sinnieren, ob ein technischer Defekt „besser“ wäre als ein Unfall und so vieles andere, es bleibt Tatsache, dass sich sowas für jeden bitter anfühlt. Man hat sich nicht für einen Doppelausfall extra freigenommen, sich unzählige Nächte und Wochenenden um die Ohren gehauen und an einem Wochenende, wo man hätte frei haben können, am Ring gequält. Es ist traurige Gewißheit, daß heute einer dieser Tage ist.

Als ich beim Team ankomme, merkt man diese Stimmung. Es werden Erinnerungen an das 24h-Rennen wach, als der Papagei abgeräumt wurde und beim zweiten Auto die Sitzkonsole gebrochen ist, als man die Klasse angeführt hat. Wie damals, halte ich mich mit Fotos zurück. Ich bin kein Paparazzo. Währenddessen wird in der Box überlegt, wie man am besten auf Defektsuche geht.

Man merkt es jedem an, dass man von dem Doppelausfall schwer getroffen ist, doch man merkt auch etwas anderes, was viel wichtiger ist – Aufgeben ist nicht und man macht und denkt schon jetzt weiter. Auch wenn das nächste Rennen erst in drei Wochen ist.

Auch wenn heute einer dieser Tage ist wir kommen wieder.

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