Große Ereignisse werfen lange Schatten voraus. Beim 24h-Rennen sind diesmal die Schatten noch länger, und das in vielerlei Hinsicht. Es geht nicht nur um den Hype, den die Teilnahme von Max Verstappen und der zu erwartende neue Zuschauerrekord.
Der Tod von Juha Miettinen bei den 24h Qualifiers hat die Motorsport-Welt erschüttert und nochmal erinnert, wie gefährlich Motorsport sein kann. Man kann und sollte es nicht beiseite wischen oder wegdenken, es ist so. Es sind dabei nicht nur die Fahrer. Eine Unachtsamkeit beim Boxenstopp, und es könnte auch verletzte geben. Man muss es einfach lieben und diese Liebe besiegt jede Angst, die als schlechter Berater mitfahren könnte. Ohne dies würde man sich sowieso nicht ein 24h-Rennen antun.
Für EiFelkind Racing geht es diesmal auch um mehr. Der zweite Platz vom BMW und der verpasste Klassensieg letztes Jahr sitzen noch tief. Achtungserfolge zählen nicht, dieses Team möchte beweisen, wozu man fähig ist. Gleichzeitig sind am zweiten Auto Fahrer gemeldet, die ihr allererstes 24h-Rennen bestreiten. Dieser Teamgeist und der Wille, Ihnen eine Chance zu geben, gehören auch zum einzigartigen EiFelkind-Gefühl. Ich bin dankbar, wieder dabei sein zu dürfen. Es ist nicht mein erstes 24h-Rennen mit dem Team und ich glaube zu wissen, was mich erwartet.
Es ist fast Gewohnheit, als ich am Mittwoch Media-Tabbard und Ticket abhole. Die Dame von der Media-Betreuung lächelt mich an. „Bekanntes Gesicht“, sagt sie und vergisst fast, mich nach meinem Ausweis zu fragen. Ich muss lächeln. Ich freue mich, als ich zur Box und dann zum Teamzelt gehe. Auch wenn hier und da vorher Schatten über mein Leben hingen, ein Wiedersehen mit EiFelkind tut immer gut.
Zwei Sachen fallen mir auf und ich kann es nicht anders, sie auf Bildern festzuhalten. Zum einen tragen beide Autos in Andenken an Juha Miettinen Trauerflor. Der „Pisti“ (Spitzname eines der Autos) zusätzlich noch die Aufschrift „My friend Juha“. Vielleicht fährt seine Seele auch mit. Zum zweiten entdecke ich die Namen der Fahrer, die zum allerersten mal dabei sind. Nils Renken. Tim Schwolow. Sebastian Lawniczek. Marco Schmitz. Ein kleines Detail. Für den unbedarften Zuschauer dürften das nur Namen auf der Fensterscheibe sein, für die Fahrer bedeutet das die Welt. Später wird Nils Renken im Interview sagen, dass er bei der Einführungsrunde geweint hat. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.
Beim Donnerstagsqualifying nimmt dieser Weg einen guten Anfang. Pisti übernachtet als Klassenbester und der Papagei ist auch nicht weit dahinter. Das hebt die Stimmung. Tim Schwolow, der zum ersten mal dabei ist, scherzt, dass er im Falle eines Klassensieges ein Bier aus seinem Rennschuh trinken würde. Man lacht im Teamzelt, der, wie immer, voll ist. Wieder ist jeder beim Team willkommen. EiFelkind steht eben nicht nur für guten Motorsport, sondern auch für die Nähe zu den Fans. Während ich als Fotograf alles in Bildern festhalte, packt mich die Emotion, die das alles in sich trägt. Der Gedanke, wie es beim Zieleinlauf sein wird, macht mir fast Angst.
Freitag bei der Teambesprechung wird der Ton ernster. Maurice gibt als Teammanager dabei ganz klar die Ansage: der Pisti fährt auf Klassensieg. Beim anschließenden Qualifying gibt es einen Dämpfer. Im wahrsten Sinne des Wortes, ein Stoßdämpfer am Pisti geht kaputt, wird aber in Rekordzeit gewechselt. Wenn Hindernisse kommen, werden sie beiseite geschafft, ohne wenn und aber. Man spürt, dass Maurices Ansage keine Worthülse ist, sondern von jedem im Team gelebt wird.
Freitag Abend, Autogrammstunde. Aus der Box tönt der EiFekind-Song. Lars läuft, als EiFelkind-Papagei verkleidet, durch die Menge. Man kann nicht die Fans zählen, die sich mit ihm fotografieren lassen. Trotz der Partystimmung kann man das Event kaum als Verschnaufpause abtun. Der Andrang der Fans ist riesig, alle Fahrer müssen hastig Autogrammkarten signieren, nachdem die im voraus signierten alle weg sind. Mich überrascht es, wie viele Fans keine 08/15-Souvenirjäger sind, sondern extra zum EiFelkind-Stand kommen. Man mag ein kleines Team sein, doch in den Augen der Fans sind wir ganz groß.
Am Samstag fühlt sich alles ganz anders an und die Autogrammstunde fast wie eine kleine Party. Man spürt, dass es langsam ernst wird. Ich Frage mich, was im Moment durch die Köpfe der einzelnen geht. Ist man angespannt? Aufgedreht? Oder im Gegenteil ganz chillig? Erfahren werde ich es nie, doch ich denke, jeder macht es auf seine Art. Wegen des Fan-Andrangs wird die Boxenampel für die Startaufstellung schon um 12.45 auf grün geschaltet. Es ist draußen chaotisch, es geht jedoch schnell und professionell, als beide Autos die Box verlassen. Das Team läuft wie eine gut geölte Maschine. Das ist es, worauf es ankommt.
In der Startaufstellung ist man gut drauf. Einer der Fahrer kommentiert, dass die neue Regelung für die Zuschauer gut sei, da sie vom Sammelplatz zuerst an die Autos der „kleinen“ Teams vorbeigehen. Nils Renken dagegen wird freundlich aufgezogen, weil der Dacia vor ihm in der Startaufstellung steht. „Nun ja, ich bin auf Nummer sicher gefahren“, antwortet er. Das Lachen ist ansteckend. Man ist eben mit Seele dabei.
Das „Zuschauer raus“-Schild kommt diesmal wegen des riesigen Fan-Andrangs viel früher als sonst. Ich gehe ins Mediacenter. Fotos sichten, bearbeiten, hochladen. Fotografen-Alltag. Gehört auch dazu, während auf der Strecke die Motoren starten. Kurz vor 15 Uhr. Einführungsrunde. Ab jetzt geht es um alles und man spürt es. Nachdem ich fertig bin, packe ich mein Teleobjektiv ein und mache mich auf dem Weg. Shuttle zum Brünnchen, dann ab zum Wippermann. Hedwigshöhe. Karussell. An guten Tagen ist die Strecke zu Fuß anstrengend. Das zuwenig Schlaf in den letzten Tagen macht sich bei mir bemerkbar, während unzählige Rennfotos auf der Speicherkarte landen. Mein Herz schlägt dabei doch höher, als Pisti und der Papagei mir vor die Linse kommen und das gibt mir Kraft.
Es ist zu dunkel für gute Fotos, als ich zurück an der Grand-Prix-Strecke bin. Wolkiges Wetter und kein Mond. Schade eigentlich, sonst wären die Fotos von den Autos mit glühenden Bremsscheiben ein geiles Motiv. Egal. Zurück ins Mediacenter und ran an die Fotos. Im Teamzelt erwische ich noch ein Paar Reste vom Abendessen. Muss sein.
Tief in der Nacht bin ich wieder im Einsatz. Nächtliche Boxenstopps, das Epitom eines 24h-Rennens. Man ist seit zig Stunden wach und es muss nicht nur schnell gehen, sondern auch fehlerfrei. Es klappt, die Autos werden ohne einen Hick wieder auf die Strecke geschickt. Erste Mechaniker fallen in die Klappstühle und sofort in Schlaf. Mir geht es nicht anders, als ich kurz auf einem der freien Stühle Platz nehme. Sofort stehe ich auf. Andere haben den Platz nötiger als ich. Ich gehe nach draußen und treffe auf Christian. Wir unterhalten uns kurz. Die Autos liegen auf Platz eins und zwei in der Klasse, sagt er. Kein Grund zum Jubeln, das Rennen ist noch lang.
Wenig später herrscht in der Box kurz Aufruhr. Einer der Fahrer bekommt für das Nichtbeachten eines Code 60 eine Zeitstrafe und einen DMSB-Strafpunkt. Ginge es der direkten Konkurrenz nicht viel schlimmer, wäre das bitter, wären die zwei nachfolgenden Autos in der Klasse nicht vom Pech verfolgt. Bei dem einen stünde ein Motorwechsel an, der andere läge weit zurück, höre ich. Kein Grund zur Entspannung, eher eine Warnung, wie schnell alles schiefgehen könnte. In mir werden schlimme Erinnerungen an letztes Jahr und die gebrochenen Sitzkonsolle. Wahrscheinlich nicht nur in mir. Im Mediacenter versuche ich, zu etwas Schlaf zu kommen. Klappt leidlich. Ein Fotografenkollege schläft in der Reihe davor direkt auf dem Boden.
Das Wetter draußen ist bitterkalt, als es hell wird und ich auf die Strecke gehe. Verzitterte Mitzieher in der Ford-Kurve. Bin mittlerweile seit 24 Stunden wach und die Nacht zuvor nur 4 Stunden geschlafen. Keine Entschuldigung. Man ist im Einsatz, genau wie das Team. Erst wenn die Fotos bearbeitet und hochgeladen sind, gibt es ein kleines Frühstück im Teamzelt. Dazu noch Kaffee, davon aber reichlich.
Wieder Shuttle zum Brünnchen und dann ab zur Eiskurve. Ich habe noch nicht meine Kamera aufgebaut, als Pisti vorbeifährt. Ich winke. Viel Glück! Mir tun nach der Wanderung vom Vorabend die Füße weh und ich mag nicht denken, wie es den Fahrern und allen anderen im Team geht. Mittlerweile sind alle seit mehr als 24 Stunden wach und im Extremeinsatz. Ein einzigartiges Gefühl. Man könnte müde sein. Es könnte einem alles wehtun. Man funktioniert auf Adrenalin und Willenskraft. Wer es nicht selbst erlebt hat, wird es nur schwer verstehen können.
Die Shuttlefahrt zurück gerät zur Geduldsprobe. Die Rückreisewelle ist angebrochen und ich habe zeitweise Sorgen, ob ich zum Zieleinlauf pünktlich da sein werde. Als endlich ein Shuttle ankommt und mich und ein Paar Fotografenkollegen mitnimmt, bin ich mehr als nur erleichtert. Auf dem Weg zurück unterhalte ich mich mit dem Fotografen von Renazzo Racing. Es wundert mich, dass er das Team als „klein“ bezeichnet, obwohl sie einen Cayman in der PETN-Klasse und einen Lamborghini Huracan bei den GT3 einsetzen. Gleichzeitig sagt er, sein Team sei hart am kämpfen. „Sind wir nicht alle das?“, schießt mir durch den Kopf. Als er von den Problemen in seinem Team erzählt, realisiere ich, dass manchmal auch der härteste Einsatz nicht belohnt wird. Die Grüne Hölle ist unerbittlich.
Zum Glück bin ich pünktlich zu den letzten Boxenstopps wieder zurück. Ab jetzt liegt alles in den Händen der Fahrer und den Car Chiefs. Als in der Box verhaltener Jubel ausbricht, spürt man, wie nah man an dem Finale ist. Erwartung und Anspannung mischen sich miteinander und lassen ein letztes mal die Müdigkeit verschwinden. „Vier Stunden Vorsprung“, sagt Uwe, als ich ihn nach den Positionen der Autos frage. Das lässt hoffen, während der Verstappen-Hype durch einen technischen Defekt ein jähes Ende findet. Als die letzten Runden anbrechen, kommt auch noch Regen. Maurice und Buddy geben per Funk Anweisungen an ihre Fahrer. Wahrscheinlich hoffe nicht nur ich, dass sich der Regen verzieht und man nicht die Regenreifen auspacken muss. Ich denke an die Fahrer, die jetzt auf Slicks unterwegs sind und den Widrigkeiten des Eifelwetters trotzen müssen. Was wohl in deren Köpfen vor sich hin geht?
15 Uhr. Zielflagge für den Führenden. Man ist längst vor der Box, hier und da kletter einer auf dem Zaun, um einen Blick vom Zieleinlauf zu erhaschen. Auf diesen Moment haben alle hin gearbeitet. Es sieht gut aus, und trotzdem zittert man bis zum Schluß. Wetter, technische Defekte oder eine missglückte Überrundung, solange die Zielflagge nicht gefallen ist, könnte alles passieren. Das letzte Quentchen Ungewissheit ist quälend.
Es dauert gefühlt eine Ewigkeit, bis beide EiFelkind-Autos abgewunken werden. Doppelpodium! Platz 1 und 2 in der Klasse und Start-Ziel-Sieg für den Pisti. Der Jubel, schlägt wie eine Bombe ein. Gestandene Männer haben Tränen in den Augen und liegen sich in die Arme. Jeder umarmt jeden. Ich weiß nicht, wohin ich meine Kamera richten soll, es passiert alles auf einmal und überall. Geschafft! Christians tränenüberströmtes und abgekämpftes Gesicht brennt sich nicht nur auf die Speicherkarte als Foto, sondern auch tief in mein Hirn ein. Sehen so Sieger aus?
Ja! So sehen Sieger aus, wenn man hart auf den Sieg hin gearbeitet hat und 24h Stunden alles gegeben hat. Christians Ansprache an das Team verdeutlicht das alles noch einmal. Es sind keine bloßen Dankesworte, es ist eine Herzensangelegenheit. Man hat als Team darauf hin gearbeitet und mehr als gezeigt, wozu dieses Team fähig ist.
Wenig später kommt Tim Schwolow, der den letzten Stint auf dem Papagei gefahren ist, an die Box. Zeit, seine Wette einzulösen. Er zieht seinen rechten Schuh aus und hält es hin. An Bierträgern mangelt es nicht. Ich denke an das allererste 24h-Rennen für EiFelkind, als Stulle seinen Bart verwettet hat. Es ist endlich Zeit, auch zu lachen, als er das Bier aus dem Schuh trinkt.
Zu all dem Jubel mischt sich ein Wermutstropfen dazu. Als ich mit Lars Gutsche ein Paar Worte wechsle, sagt er zum Schluß etwas, was auf jeden einzelnen zutrifft: „Juha war dabei.“
Als ich auf der Rückfahrt im Stau stecke und mit der endgradigen Erschöpfung kämpfe, habe ich viel Zeit, um über all dies nachzudenken. Drei Dinge finden ihren Weg in den Mittelpunkt:
Dieses Team ist nicht zu stoppen.
Die Freude über den Sieg wird keine schnellebige sein. Davon wird man auch in Jahren zehren können.
Juha war dabei.






Eine Antwort
Toma,
das hast Du wieder super geschrieben!
Der Text ist voller Emotionen und ich musste an einigen Stellen schlucken!
Du hast wirklich viele Talente und ich freue mich persönlich, Dich kennen zu dürfen!
Danke für Deine tollen Fotos, die tiefgehenden Texte und die Arbeit, die Du leistest.
Ohne Dich wäre das Team ein Stück ärmer!