Zwei Wochen Urlaub und davon eine Woche Ostfriesland fühlen sich fast schon zu lang an, als am Samstag um fünf Uhr der Wecker klingelt. Kaffee, Sachen packen, ab zum Ring. Es ist dunkel, als ich losfahre, und in Gedanken bin ich bei EiFelkind. Das letzte Rennen war gezeichnet von technischen Problemen und Reifenplatzern, so daß die doch soliden Platzierungen nicht das waren, was sich alle erhofft haben. Die Saison ist auf der Zielgeraden, da muss einfach mehr drin sein.
Dank der frühen Stunde sind die Autobahnen angenehm leer. Im Radio läuft Vinnie Vincent Invasion mit „This Time Of Year“. Beim letzten Rennen war es noch Hochsommer und ich bin an goldenen, frisch abgeernteten Feldern vorbeigefahren. Heute liegt über den Feldern Frühnebel. Es ist trotzdem warm. Es sind nicht die letzten warmen Tage, doch es sind diese seltenen Tage, in denen der Wechsel von Sommer zu Herbst unmissverständlich spürbar wird. Herbst, die Zeit, Dinge zu Ende zu bringen. In der Eifel erwarten mich dann erste Nebelfelder und Wälder, die zaghaft erste Herbstfarben zeigen.
Als ich am Ring ankomme, ist der Nebel einer warmen Sonne gewichen. Warm, aber nicht zu warm. Kein Vergleich zu der Gluthitze vor einem Monat. Im Teamzelt gönne ich mir Kaffee und Frühstück, bevor ich mich ans Werk mache. Fotos. Bekannte und teilweise lang nicht gesehene Gesichter. Moritz Rosenbach zum Beispiel, der vor Jahren ein Rennen für EiFelkind gefahren ist. Man freut sich auf das Wiedersehen, während auf der Strecke das Qualifying läuft.
Es läuft nicht ganz wie erhofft. Code 60-Zonen zuhauf und ein technischer Defekt am Papagei erinnern einmal mehr, wie gnadenlos Motorsport sein kann. Die Boxenstopps und die Reparatur am Papagei liefern gute Motive und man ist trotzdem guter Dinge. Das Rennen steht noch bevor, alles ist möglich. Ich genieße die kleinen Momente, die sich genauso warm anfühlen wie die Sonne. Henning, der mich mal wieder nach einer Zigarette fragt. Maurice mit seinen einzigartigen Gesichtsausdrücken. Hier und da ein wenig Smalltalk.
Die Sonne steigt höher und es wird Zeit für die Startaufstellung. Boxenampel auf Grün, beide Autos fahren raus. Bilder in der Startaufstellung. Lachen. Man ist guter Dinge. Das „Zuschauer raus“-Schild kommt, wie immer, zu schnell. Bald dreht sich das Grüne-Hölle-Roulette wieder für vier Stunden. Ich gehe langsam zurück zum Teamzelt, setze den Tele auf und mache mich auf dem Weg. Heute versuche ich es mit Fotos aus der AMG-Arena. Bin früh dran, so erwische ich die erste Startgruppe mit all den GT3s. Unter der warmen Sonne gelingen mir gute Fotos. Bin in Experimentierlaune, so probiere ich unterschiedliche Stellen und neue Blickwinkel aus. Einige davon merke ich mir für die Zukunft.
Nach zig Bildern aus der AMG-Arena ist es noch erstaunlich früh, so gönne ich mir ein kleines Mittagessen im Teamzelt, bevor ich auf die Nordschleife fahre. Mit mehr Glück als Verstand erwische ich einen Parkplatz nahe Hocheichen. Eine meiner Lieblingsstellen, an der ich lange keine Bilder gemacht habe. Zur Halbzeit sind noch beide Autos im Rennen, während von der Konkurrenz wenig zu sehen ist.
Zurück im Fahrerlager frage ich Uwe nach den aktuellen Platzierungen. P1 und P2 in der Klasse, während einer der direkten Konkurrenten sich auf der Strecke überschlagen hat. Mir läuft ein eiskalter Schauer überm Rücken, während in meinem Kopf tausend „was wäre, wenn“-Fragen herumschwirren. Wieder einmal frage ich mich, was in den Köpfen der Fahrer geht, die jetzt „nur noch“ die Autos sicher ins Ziel bringen müssten. Die Frage wird wohl für immer unbeantwortet bleiben.
Kurz vor vier Uhr. Gleich ist Zieleinlauf. Ich beziehe frühzeitig einen Platz an der Boxenmauer. Auf der anderen Seite rasen Rennwagen an mir vorbei und zwar so nah, daß die Druckwelle ordentlich spürbar ist. Einer dieser Momente, wo man selbst als Außenstehender den Speed fühlen kann. Nur noch eine Runde. Das Team versammelt sich auch an der Mauer.
Als Pisti nach der Zielflagge ganz nah an der Mauer fährt, wird er mit winkenden Händen und geballten Fäusten begrüßt. Klassensieg für das Auto und ein kleiner Sieg für mich, diesen Moment in einem Foto festhalten zu können. Noch besser, Doppelpodium! Alle jubeln. Es ist zwar nicht das 24h-Rennen, doch im Motorsport gibt es keine kleinen Siege.
Das spürt man deutlich, als Uwe und Maurice die Zielfahrer am Parc fermé abholen. Sieg ist Sieg und muss gefeiert werden. Hätte ich nicht später nach Hause fahren müssen, hätte ich mir auch ein Bier gegönnt wie fast alle im Team. Stattdessen bleibe ich mit meiner Kamera und fange die offizielle Siegerehrung in Bildern ein. Es ist mir dabei egal, wie spät es ist und dass ich zuhause keinen Parkplatz bekommen werde. Ich freue mich.
Herbst kann so schön sein!






Eine Antwort
Toma, wieder eine tolle Geschichte! Du hast die Stimmung exakt geschildert. Freue mich schon auf die Fortsetzung!
Gruß RUB