Der Verlust des Papageis tut immer noch weh, in jeder Hinsicht. Daher stand unter der Teilnahme am NLS Light-Rennen ein Fragezeichen. Doch EiFelkind wäre nicht EiFelkind, hätte man sich nicht ein Herz gefasst und weitergemacht. Die Nachricht kam gerade noch rechtzeitig, so dass ich hastig meinen Dienst an diesem Wochenende tauschen konnte, um dabei zu sein.
Es ist früher Morgen, als ich auf dem Weg zum Nürburgring aufbreche. Die Sonne scheint schon und die Wettervorhersage verheißt einen wunderschönen und nicht zu heißen Tag. Dank der frühen Stunde sind die Autobahnen angenehm leer. Als ich in Blankenheim auf die Landstraße fahre, kommt aus dem Radio Bon Jovi mit „Growing up the Hard Way“. Ich muss lächeln.
NLS Light. Keine GT3, keine Meisterschafspunkte. Nur pures Racing für die „kleinen“ Klassen. Das Format wird zum ersten mal ausgetragen und ist nicht unumstritten. Manchen selbsternannten „Fans“ und „Experten“ sind es zu wenige Teams, die genannt haben, manche finden es einfach nur langweilig, manche sind der Meinung, die GT3 gehören in der NLS verboten.
Drauf geschissen, die Stimmung im Team ist wie eh und je, als ich am Ring ankomme. Man freut sich auf einen Tag Motorsport. Es wird gescherzt, gelacht, gefrühstückt und gearbeitet. Zur Abwechslung mache ich ein Paar Fotos vom Frühstück und der Küche. Gehört auch dazu, NLS Light hin oder her. Gleichzeitig läuft das Qualifying und in der Box wird gearbeitet wie üblich. Ein Rennen ist ein Rennen ist ein Rennen.
Qualifying, Pitwalk, Gridwalk – der Tag nimmt seinen üblichen Lauf. Man hat gute Startplätze herausgefahren und ist guter Dinge für das Rennen. In der Startaufstellung stehen beide Autos ungewohnt weit vorne. Eine angenehme Abwechslung von der üblichen NLS-Routine. Ich mache meine Fotos, bis das „Zuschauer raus“-Zeichen kommt und trinke noch etwas im Teamzelt, bevor ich an die Strecke gehe. Der Fahrerlager ist im Vergleich zu den „normalen“ NLS-Rennen etwas leerer. Nach der durchgehenden Überfüllung beim 24h-Rennen tut die Abwechslung gut.
Ich folge meiner üblichen fotografischen Routine. Es ist, wie vorhergesagt, warm, aber nach der neuerlichen Hitzewelle fühlt es sich mit dem leichten Wind sehr angenehm. Für mich ein perfekter Tag, für die Fahrer ein heißer – ich mag nicht denken, wie heiß es in einem Rennwagen ist und wie sich die Hitze mit einem feuerfesten Rennoverall anfühlt. Im Hatzenbach überrascht mich der Cayman, indem er die letzte Kurve mit ziemlichem Einsatz schneidet und eine Staubwolke aufwirbelt. Ein Motiv zum Ah-Faktor! Trotzdem mischt sich ein Hauch Wehmut, als aus keiner Kurve der Papagei auftaucht.
Am Schwalbenschwanz erlebe ich eine lange Schrecksekunde, als ich den BMW erblicke, der sich in langsamer Fahrt mit einem kaputten rechten Vorderreifen an mir vorbeischleppt. Es werden bittere Erinnerungen an den Papagei wach. In Gedanken wünsche ich dem Fahrer, dass er es ohne größere Schäden bis zur Box schafft, nicht von einem anderen Auto abgeräumt wird und das Team den Schaden wieder hinkriegt. Die Angst schwingt mit, während ich Auto für Auto mitziehe und auf den Auslöser drücke.
Unendliche Minuten später habe ich Gewissheit, als der BMW wieder in voller Fahrt an mir vorbei fliegt. Man hat es geschafft! Ein Zeichen? Das Bild ist im Kasten und ich fühle mich wie beflügelt. Ich packe meine Sachen und fahre weiter zum Brünnchen, die letzte Station für heute.
Die Erleichterung und die Freude verleiten mich fast, am Brünnchen übermutig zu werden, so verlängere ich die Verschlusszeit weit über das, was an dieser Stelle für Rennfotos vernünftig wäre. Viel Ausschuss – aber die gelungenen Bilder sind erste Klasse! Zum Teufel mit der Vernunft, es geht um Leidenschaft. Ich bleibe nicht lange. Nur, bis ich gute Fotos von den Teamautos habe.
Im Fahrerlager angekommen, bekomme ich ein Update über den Reifenschaden. In der Hohen Acht über die Curbs gekommen, reifen an den Abweisern aufgeschlitzt. Paul, der Fahrer, macht sich Vorwürfe. Das gesamte Team ist für ihn da. Jeder weiß, der Schaden könnte jedem der anderen Fahrer passieren. Außerdem geht es im Motorsport um Grenzen ausloten, wie sollte man die eigenen nicht kennen, wenn man die nicht mindestens einmal überschritten hat. Man ist mitfühlend, zeigt Verständnis und ist froh, dass nichts kaputtgegangen ist. Es ist sein erstes Rennen für das Team, man hält trotzdem zu ihm und hält zusammen.
Die letzte Viertelstunde des Rennens ist angebrochen. Der BMW liegt trotz des Reifenschadens auf P2 in der Klasse und der Cayman ist auf Top10-Kurs. In der Box fiebert man mit – es ist egal, ob es „nur“ NLS Light oder 24h-Rennen ist, die letzten Runden sind immer voller Spannung.
Beide Autos halten ihre Positionen und die Fahrer halten durch, als die Zielflagge fällt. Man könnte unken, ohne den Reifenschaden wäre der Klassensieg für den BMW drin gewesen. Man tut es nicht. Stattdessen wird sich gefreut und gejubelt, wie nach jedem Rennen.
Ich gehe mit zum Parc fermé, die Fahrer abholen. Henning, der den letzen Stint im BMW gefahren ist, freut sich über das gelungene Rennen, als er Helm und Balaclava abnimmt und die Flasche Wasser leert, die ihm Lars reicht.
Mehr als nur ein Lächeln, denke ich. Wenn man zig Runden in einem von der Sonne aufgeheizten Rennwagen lächeln kann, dann ist es nicht nur über die eigene Leistung, sondern über die Leistung des gesamten Teams. Und diese ist, so kurz nach dem Verlust des Papageis und des für die Meisterschaft bedeutungslosen Rennens, mehr als ein Achtungserfolg. Man hat sich aufgerappelt, hat als Team gearbeitet, Rückschläge weggesteckt und gezeigt – mit diesem Team ist zu rechnen.
EiFelkind ist auferstanden.





