Das kleinere Übel

Freie Woche, und zur Krönung ein Wochenende am Ring. Was will man mehr? So fällt mir das Aufwachen am Samstagmorgen leicht. Fotoausrüstung und alles, was ich brauche, ist schon gepackt. Ich trinke in Ruhe einen Tee, dann geht es auf dem Weg. Die Sonne scheint und verheißt einen wunderschönen Frühlingstag. Bei dem herrlichen Wetter geht die Fahrt fast schon viel zu schnell. Recht früh finde ich mich im Fahrerlager ein. EiFelkind ist wieder in Box 13 untergekommen. Ob es nach dem Unfall mit dem BMW beim letzten Rennen diesmal Glück bringen wird? Wer weiß…

Bekannte Gesichter. Grüßen. Fotos machen. Auf dem BMW sind mir fast unbekannte Fahrer. Das könnte interessant werden. Nach einem Frühstück im Teamzelt verfalle ich in meiner üblichen Routine. Alle sind guter Dinge, die Sonne scheint und es verspricht, ein wunderschöner Tag zu werden. Ich hoffe es und bin mir sicher, ich bin gewiß nicht der einzige. Währenddessen geht das Qualifying los. Ich beschließe, ein Paar Fotos zu machen und laufe zur AMG-Arena. Während sich die Speicherkarte füllt, vermisse ich jedoch den Cayman. Den BMW erwische ich mehrfach, der Cayman dreht gefühlt nur 2-3 Runden. In der Box hatte ich was von Getriebeproblemen aufgeschnappt, auf der Strecke habe ich nichts davon gesehen. Ich hoffe, die Truppe kriegt alles geregelt.

Das Qualifying ist fast zu Ende, als ich den BMW in ganz langsamer Fahrt mit eingeschalteten Warnblinkern in der AMG-Arena erspähe. Was los ist, weiß ich nicht, aber es sieht nicht gut aus. Mir wird mulmig. Hoffentlich nichts ernstes. Nach zwei Unfällen in zwei Rennen und dem Neuaufbau ist das nun wirklich genug pech.

Als ich wieder an der Box ankomme, steht der BMW schon drin und es wird rege daran gearbeitet. Ich halte es in Bildern fest und frage Maurice, was los ist. Anscheinend nimmt er kein Gas an, man hat den Lenkeinschlagsensor in Verdacht und hofft, den Wagen bis zur Öffnung der Boxengasse wieder hinzubekommen. Die Pitwalk ist währenddessen voll im Gang. Ich versinke in Gedanken. Vor zwei Jahren war der Cup-BMW der Pechvogel des Teams und ich habe mit Uwe darüber Witze gerissen. Lustig war es trotzdem nicht. Ärgerlich vielleicht. Enttäuschend schon eher.

Es wird Zeit für die Startaufstellung. Die Ampel springt auf Grün und in der Boxengasse geht das übliche Chaos los. Beide Wagen rollen aus und machen sich auf dem Weg. Ich laufe über die Strecke zur zweiten Startgruppe und finde den Porsche, mache meine üblichen Fotos und stapfe weiter zur dritten Startgruppe, als mich Lars anhält mit der Nachricht, der BMW sei wieder in die Box gerollt. Mist! Anscheinend sei das Problem wiedergekommen. Ich laufe zurück, und tatsächlich, am Auto wird emsig gearbeitet. Ich halte alles in Bildern fest und denke daran, dass die Boxengasse schon zu ist. Selbst wenn man es hinkriegen würde, müsste man aus der Box starten und dem Feld hinterherfahren. Egal, so wie ich das Team kenne, würden sie jede Herausforderung auf sich nehmen, um das Auto wieder flott zu kriegen. Im Langstreckensport zählt auch das bloße Ankommen.

Das Rennen geht los. Für mich heißt das meine übliche Runde über die Fotospots drehen. Während ich am Brünnchen stehe, hoffe ich, dass mir der BMW vor die Linse kommt. Vergebens. Ich weiß nicht, ob es ein größerer oder einfach ein kniffliger Defekt ist. 2023 gab es mal eine ähnliche Sache, damals hat man „nur“ ein komplett neues Kabelbaum eingezogen, um das Problem zu beseitigen. Sowas stelle ich mir als Sisyphosarbeit vor.

Ich wechsle die Positionen. Vom Brünnchen zum Wippermann, dann die Hohe Acht und zum Schluß runter zum Karussell. An jeder Position habe ich die Chance, den Porsche zu fotografieren, doch vom BMW nach wie vor keine Spur. Ich will nicht wissen, was derzeit in der Box los ist. Arbeitet man immer noch an dem Auto oder hat man die Hoffnung aufgegeben? Ich weiß es nicht.

Mit diesem Gedanken mache ich mich auf dem Rückweg. Vom Karussell zurück beschließe ich, die Steilstrecke hoch zu laufen. Ganz erfrischend, einer 27%-Steigung hoch mit 10 Kilo Fotoausrüstung auf dem Rücken. Geht schneller als der übliche Pfad entlang der Strecke, ist nur steiler. „Nur“ ist gut. Während ich mich der Steigung hinauf quäle, stelle ich mir vor, wie es wäre, da mit dem Rennrad hochzufahren. Alleine beim Gedanken tun mir die Oberschenkel weh. Dafür fühlt sich der restliche Weg wie ein Spaziergang im Park an.

Es ist die letzte halbe Stunde des Rennens angebrochen, als ich zurück an der Box bin. Drin wird immer noch am BMW gearbeitet. Ich weiß es zu gut, es geht längst um nichts außer die Hoffnung, den Fehler zu beseitigen und ein Paar Runden unter Rennbedingungen zu fahren, um es zu bestätigen. Ein Rennen gegen die Uhr und man gibt nicht auf.

Vergebens. Das Rennen wird abgewunken. Der Cayman kommt an sechster Position in der Klasse an. Wenigstens das. Das Ankommen zählt. Was jetzt kommt, werden wohl lange Tage und Nächte in der Werkstatt sein, beflügelt von der Hoffnung auf das nächste Rennen. Nur noch zwei Wochen bis dahin.

Ich habe einiges zu erledigen, daher reise ich früher als gewöhnlich ab. Während ich mich um all die Sachen kümmere, kehren meine Gedanken immer zu dem Team und zu dem, was bevorsteht, zurück. Ein Gedanke bleibt aber stecken.

Motorsport kann so unvorhersehbar sein. Es passieren Unfälle, Teile gehen kaputt, und, und und. Aber im Vergleich zu allem, was passieren könnte, ist ein Elektronikfehler vielleicht das kleinere Übel.

Eine Antwort

  1. Toma, Du bist super! Toll geschrieben, alle Gefühle eingefangen und die Fotos sind, wie immer, top!
    Du gehörst zu uns, wie die Küche von Dennis! Einfach unverzichtbar!

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