In manchen Jahren kommt der Herbst spät. In manchen schleichend. Dieses Jahr kam er definitiv und zu früh. Als ob es gestern war, als ich im Morgengrauen zur Arbeit geradelt bin, am nächsten Tag waren wie auf einem Schlag die Tage zu kurz und draußen kalt, verregnet und ungemütlich. Eigentlich die Zeit, um mit einer warmen Tasse Tee den Samstag zuhause zu verbringen und dem Regen hinter der Fensterscheibe zuzuschauen.
Nix da. Wieder ist racing day und wieder lockt der Nürburgring. Tief im Oktober, dank dem unsäglichen Tauziehen um die Termine und der totgeborenen NES. Noch dazu ist der Boxster immer noch in der Werkstatt. Egal. Als Begleitung habe ich diesmal Tyl, den Sohn einer Bekannten, mitgebracht, der noch nie am Ring war und so richtig und absolut keine Ahnung hat. Der Gedanke lässt mich an meine Anfänge denken. 2013, als die NLS noch VLN hieß und der Mercedes SLS das Auto mit dem geilsten Sound war. Da kanne ich gerade noch Brünnchen und wusste (in der Theorie), wie man Mitzieher macht. Jetzt darf ich selbst Guide spielen und einem Neuling die Basics der Motorsportfotografie erklären nebst eine geführte Tour durch die gängigen Fotolocations am Ring.
Durch Regen und Nebel geht es mit dem Mietwagen zum Ring. Die Laune ist gut, aus dem Radio kommen 90er Hits. Die Pause war eindeutig zu lang und die Fahrt zieht sich gefühlt unendlich. Hier und da fahren wir durch Nebelschwaden und ich frage mich, ob es am Ring genauso ist. Das liebe Eifelwetter ist immer für eine Überraschung gut.
Der Ring auch. Es ist nicht sooo früh und trotzdem erwischen wir einen Parkplatz auf A6. Das fängt gut an. Die Eifel im Herbst dagegen grüßt mit Wind und Nieselregen. Das kann ja heiter werden. Eilig suchen wir den Weg zu der Box, die Kamera im Anschlag. Unterwegs treffe ich Lutz, der nach monatelanger Pause wieder am Ring ist. Es tut gut, alte Freunde zu treffen. Die Begrüßung nach der langen Pause ist herzlich wie immer. Hier und da werde ich auf mein Ring angesprochen. Muss lächeln und an jemanden lieben denken, die zur Zeit wohl tief schläft. Wie sich die Zeiten ändern.
Tyl wird vom rest vom Team genauso willkommen gehießen wie ich. Es freut mich. Anders kenne ich es von EiFelkind nicht. Vor etwas mehr als sechs Jahren war ich der Unbekannte mit der Kamera, der mal so bei der RCN aufgetaucht ist. Damals war es auch ähnlich verregnet und uselig. Verregnet ist eher untertrieben, von Zeit zu Zeit regnet es Bindfäden. ZUm Glück ist es im Teamzelt warm und es gibt, wie immer, genug Kaffee und heiße Schokolade. Ich verfalle in meine üblichen Routine. Fotos, hier und da ein Paar Worte, wieder Fotos, Kaffee.
Das Qualifying ist unter „hätte besser laufen können“ abgehakt. Egal. You win some, you lose some und das Rennen steht erst bevor. Zeit für das Pitwalk. Tyl möchte sich in den anderen Boxen umsehen und ich lasse ihn. Ich weiß, wo mein Platz ist und wo es die besten Fotos gibt. Wie bei fast jedem Rennen gibt es auch neue Gesichter. Mit EiFelkind wird es nie langweilig. Währenddessen wird es Zeit für die Startaufstellung. Unter dem grauen Eifelhimmel herrscht auf einmal wieder geschäftiges Treiben in der Box. Autos werden rausgerollt und machen sich auf dem Weg.
Der Weg durch die Startaufstellung ist von Wiedersehen gezeichnet. Flavia Fernandez, Kevin Wambach und Dominik Kulpowicz fahren jetzt für andere Teams, trotzdem ist die Verbindung geblieben. Ein Paar nette Worte wechseln wärmt mein Herz bei dem Wetter. Einmal EiFelkind, immer EiFelkind.
Es ist zum Rennstart immer noch ungemütlich, so beziehen wir Platz auf der Bilstein-Tribüne. Wie immer nach so einer langen Pause denke ich, bei den Mitziehern aus der Übung zu sein. Viel später werde ich mit dem Anteil gelungener Fotos Lügen gestraft. Wenn ich nicht selbst welche mache, versuche ich, Tyl die Basics beizubringen. Er macht sich und entwickelt flugs eigene Ideen, wo und wie er Fotos machen möchte. Was will man mehr?
Wenig später am Brünnchen regnet es wieder. Mist! Trotzdem lasse ich mir meine Tour nicht nehmen. Eschbach, Wippermann, Hedwigshöhe. An jeder Stelle erwische ich mehr als nur ein gutes Foto. Da lohnt sich das Waten durch den Eifeler Schlamm, während es von oben unnachgiebig runterkommt.
Der Rest ist schnell abgefrühstückt. Der kleine Parkplatz am Hocheichen ist voll, so lassen wir die Location aus. Zurück ins Fahrerlager. Die letzte halbe Rennstunde ist angeborchen. Angespannte Gesichter in der Box. Der Hauptkonkurrent in der Meisterschaft liegt vor den EiFelkind-Autos. Flavia, die mit Desirée um die Ladies‘ Trophy kämpft, auch. Ich halte mit der Kamera drauf. Auch wenn ein Positionswechsel nicht drin sein sollte, es ist immer noch eine Herausforderung, bei diesem Wetter das Auto heile ins Ziel zu bringen. Währenddessen sind im Fahrerlager die Abbauarbeiten am Teamzelt voll im Gang. Tyl erwischt noch zwei abgefahrene Slicks als Souvenir. Sei’s dem Jungen gegönnt, mit dem Langstrecken-Bazillus scheint er sich eindeutig infiziert zu haben.
Viel, viel zu schnell ist das Rennen vorbei. Ich muss am nächsten Tag arbeiten, so verabschiede ich mich schnell vom Team und mache mich auf dem Weg nach Hause. Während die Scheibenwischer monoton über die Frotscheibe gleiten, kommt mir ein Gedanke, der mich all den Regen und all das uselige Wetter vergessen lässt.
Es ist so schön, irgendwo willkommen zu sein.





