Zeichen und Wunder

Mit ganz besonderer Widmung einem Unbekannten, ohne dessen Einsatz alles einen ganz anderen Ausgang hätte nehmen können...

Es gibt Tage, da bleiben die Dächer zu. Viel zu oft ist es das Wetter, selten habe ich keine Lust dazu und noch viel seltener wird alles so durcheinandergewirbelt, daß es einfach nicht dazu kommt. Fahrer und Beifahrer (britischer) Roadster behaupten hartnäckig, es gäbe kein schlechtes Wetter nur die falsche Kleidung. Lange Zeit dachte ich, das wäre wahr. Jetzt muß ich dem widersprechen. Manchmal kommt es einfach nicht dazu, das Dach aufzumachen. Eigentlich schade, sollte man meinen. Nicht ganz, an manch einem dieser Tage geschehen noch Zeichen und Wunder.

Doch sind Wunder das letzte, woran ich glaube, als ich an diesem Sonntagmorgen das Krankenhaus verlasse. Zustand nach Dienst, wieder einmal. Und wie es der Schicksal so wollte, mit einer dieser Aufnahmen, die 10 Minuten vor Dienstschluß in der Notaufnahme aufschlagen. In Kombination mit dem nicht gerade erholsamen Schlaf im Bereitschaftszimmer kann das einem den letzten Rest geben. Dementsprechend sehe ich auch aus, als ich mit herunterhängenden Schultern zum Parkhaus schlurfe. Jetzt nur noch zum Cab. Wetter ist so naja, aber das ist im Moment nicht so wichtig.

Durch Zufall habe ich eine auf meinem Heimweg gelegene do-it-yourself-Waschanlage, die sonntags auf hat. Klein, mitten in einem Industriegebiet gelegen und die meiste Zeit ohne die übliche Kundschaft aus der Jogginghosen- und Tank-Top-Tuningfraktion. Meiner Diva kann ich ein wenig Streicheleinheiten an diesem morgen nicht abschlagen. Nebenan ist auch ein Burger King, da kann ich mir danach auch in Ruhe einen Frühstück genehmigen, während das Verdeck trocknet.

Liebend gerne hätte ich an diesem morgen mit jemandem gefrühstückt. Mit einer ganz lieben und schönen Cabriofahrerin. Für sie würde ich selbst die Wellnesstunden mit meiner Diva verschieben. Bis vor kurzem noch ein unmöglicher Gedanke. Ich schiele zum Parkhaus. Irgendwo da drin ist sie. Aber seit dem letzten Unwetter und dem Hagelschaden auf dem Heckdeckel parke ich immer auf den inneren Reihen. Ist im Moment auch gut so. Will nicht wissen, wie sie zu mir mit den Scheinwerfern schielt. Hoffentlich ist sie nicht zu sehr eifersüchtig und fängt nicht an zu zicken.

Aus den lieben SMS, die mir gegen Dienstende aufs Handy geflattert sind, weiß ich, daß ich nicht der einzige bin, der sich nach einem Frühstück zusammen sehnt. "Ich hole mir gleich auch ein Frühstück...bei Burger King", stand drin. Sie wußte von meinen Plänen. Irgendwie in einer Ecke von meinem Hirn keimt kurz die Idee auf, zu Ihr zu fahren. Ist nicht sonderlich weit und be Ihr in der Nähe ist ein Burger King. Schön wäre es.

Es muß wohl die geistige nach-Dienst-Umnachtung sein, so bemerke ich erst als ich im Cab eingestiegen bin, daß da irgendwas unterm Scheibenwischer geklemmt ist und wundere mich über die Frechheit von allerlei Autohändlern, Pizza-Taxis oder wasauchimmer. Überall, wo man sein Auto stehenlassen kann, wird einem irgendwas unterm Scheibenwischer geklemmt. Na gut, fast alles. Werbung für Viagra oder bestimmten Verlängerungen habe ich bisher nicht gesehen.

Schlüssel umdrehen. Cab springt kurz an, dann kommt das berühmt-berüchtigte NG-Problem wieder zum Tragen und der Motor stirbt ab. Na gut. Aus der Tiefe des Parkhauses ertönt ein Pfeifen. Wer ruft da wen wohl? Keine Ahnung, auf einmal rückt das Stück Papier unterm Scheibenwischer plötzlich im Mittelpunkt. Kein normaler Werbeflyer. Moment mal, das sieht nach Burger King-Frühstücksgutscheinen aus. Ich steige aus dem Cab und ziehe das zusammengefaltete Papier weg. Tatsächlich! Und wieder höre ich, wie jemand jemanden anpfeift. Jemand? Jemanden? Ich schaue mich um.

Und kann mir in den Arsch treten, ohne jede Gnade! Wie umnachtet muß ich denn nach dem Dienst gewesen sein? So umnachtet, um nicht die Zeichen deuten zu können. Am Ende der Parkreihe, ganz lässig am Stützpfeiler angelehnt, steht sie. Diese Figur könnte ich auf jede Entfernung erkennen. Und selbst auf die Entfernung ist das Funkeln in Ihren Augen einfach unverkennbar. Den ganzen Weg ist sie gefahren und nun steht sie da. Als ich zu Ihr gehe, lasse ich das Cab mit offener Tür stehen.

Erst in Ihrer Umarmung komme ich langsam zur Besinnung. Das Gefühl ist einfach unglaublich und nicht in Worte zu fassen. Wenn es nicht so real und so schön wäre, könnte ich an ein Wunder glauben. Ihre Fahrt zu mir, die Nacht im Krankenhaus, alles verschwimmt und wird auf einem Schlag, mit einer Berührung und ein Paar Worten weggeschwemmt. Wer braucht schon Frühstück bei Tiffany's. Solange wie Kaffee kriegen, tut's auch Burger King. Wir lachen.

Das ideale Cabriowetter ist es nicht, so bleiben die Dächer zu, als wir wenig später im Convoy durch die gelsenkirchener Straßen gleiten. Naja. Ihr Cab gleitet, meins zickt und bockt in einem so ziemlich nervigen Anflug von Eifersucht. Zum Glück haben wir nicht sonderlich weit zu fahren. Cabs parken wir nebeneinander. Ich hoffe, meine Schöne (das Cab natürlich) kommt auf andere Gedanken als weiter zu eifersüchteln.

Der Kaffee schmeckt, und nicht nur ich könnte schwören, das, was sich bei Burger King "Frühstück" nennt, ist besser als sein Ruf. Die weitere Tagesplanung wird spontan gestrickt. Die Einladung meiner besten Freundin zum Brunch nehmen wir gemeinsam an, so geht es dann im Convoy nach Düsseldorf. Cab scheint es sich anders überlegt zu haben und läßt es mit der Eifersucht sein. Oder ist was anderes dran? Vielleicht hat sie doch an einem Cab und seiner Fahrerin doch Gefallen gefunden? Das Motorgeräusch hört sich irgendwie verdächtig vergnügt an.

Parkplätze finden wir sogar in ziemlicher Nähe zum Lokal, wo wir eingeladen sind. In Düsseldorf selbst an einem Sonntagmorgen keine Selbstverständlichkeit. Mein größtes Problem ist, die Frage zu beantworten, wieso mein Cab in die Parklücke passt, an der sie sich versucht hat. Das Lokal selbst scheint ein Geheimtipp zu sein. Nettes Ambiente, hier und da mit 70er-Jahre-Dekos und in den passenden Farben lackierte Wände.n Selbst um die Uhrzeit am Sonntag übervoll, das Essen schmeckt und die Zeit scheint sich auf die gleiche Art und Weise zu verlangsamen, wie es oft tut, wenn man auf irgendwas sehnsüchtig wartet. Diesmal warten wir aber auf nichts. Wir genießen einfach. Mittlerweile merke ich garnicht, daß es schon früher Nachmittag ist und ich bis heute morgen 24 Stunden im Krankenhaus verbracht habe.

Nur ganz flüchtig fällt mir ein, an diesem Tag haben wir noch für keine einzige Minute die Dächer aufgemacht. Lassen wir auch weiterhin zu, als es zu mir nach Hause auf einen Kaffee geht. Es regnet nämlich ein Bißchen. Ein ganz klein Bichen, dann lichten sich die Wolken und auf ein Schlag wird es warm, so wie es passiert, wenn eine Warmfront über einen hinwegzieht. Beim Kaffee bekommen wir noch das Ende vom Nürburgring-GP mit. Interessiert und aber nicht sonderlich heute. Die Sonne scheint wieder. Wir schnappen uns eine Decke und gehen am Rhein.

Die Zeit am Wasser verlangsamt sich endgültig zu einer gefühlten Dreiviertelewigkeit. Wolken und Sonne liefern sich ein Wechselspiel am Himmel, der Wind dreht andauernd. Während sie Steine sammelt, kommt mir die Erinnerung an einem ganz alten Song. Billie Jo Spears, "Blanket On The Ground". Den Song mag ich, seit ich ihn mit 19 zum ersten mal gehört habe, aber davon geträumt, daß diese Zeilen für uns wahrwerden, das habe ich mir nicht einmal geträumt. Für einige Minuten schlafe ich ein. Hätten aber auch Stunden sein können, jegliches Zeitgefühl habe ich fast verloren. Es kommt mir höchstens wie Nachmittag vor, tatsächlich ist es aber schon Abend, als wir den Tag in einem Eiscafé am neusser Marktplatz ausklingen lassen. Hier gibt es das beste Eis in mindestens 20km Umkreis. Danach eine kleine Runde durch die Stadt.

Eigentlich konnte ich vom bösen Erwachen sprechen, als wir uns Ihrem Cab nähern. Auf einmal durchsucht sie ihre Taschen. "Tom, ich habe den Schlüssel nicht. Das ist kein Scherz". Ihr Ton läßt keine Zweifel zu, daß es kein Scherz ist. Und dennoch ist sie ganz die Lady, cool und gefasst. Sagt es in so einem Ton, daß es mir klar ist, sie hat den Schlüssel verloren, und dennoch schafft sie es, absolut keine Angst oder Panik zu verbreiten. Soviel Klasse hat nicht jede(r). Nur eine Vollblut-Cab-Lady.

Zum Überlegen gibt es nicht viel. Wir laufen die Strecke, die wir gegangen sind, zweimal ab. Einmal in die Richtung, in der wir gegangen sind, und einmal entgegen. Halten Ausschau, ob wir nicht irgendwo den Schlüssel erspähen. Fragen im Eiscafé nach. Vergeblich. Ruhig bin ich nicht unbedingt. Sie ärgert sich. Einmal weiter wegfahren und gleich Schlüssel verlieren. Ärgert sich darüber, meint, hätte sie irgendwo bei ihr in der Gegend den Schlüssel verloren, würde sie nur lachen.

Ob's zur Coolness gehört, weiß ich nicht, aber in solchen Situationen halte ich für das wichtigste, einen Plan für den schlimmsten Fall zu haben. Dann kann man nicht in Panik geraten, und meistens geht alles gut aus. Man muß nur diesen Plan umsetzen. Und den Plan habe ich im Kopf, seit wir auf der ersten Runde Schlüsselsuche losgezogen sind. Weiß nicht, ob es die erste oder die zweite Runde ist, wo ich ihr vom Plan erzähle. Eigentlich nichts besonderes. Zu ihr fahren, Reserveschlüssel holen, dann wieder zurück. Ein wenig ungläubig schaut sie mich an. Was soll ich antworten? Eine meiner leichtesten Übungen. 200 km in die eine Richtung.

Unser größtes Problem zur Zeit ist, wieder zu meinem Cab zu kommen. Naja, kein großes Problem - wie in jeder Stadt gibt es auch in Neuss Busse und Taxis. Nein, so schlimm ist es nicht, nach einem kurzen Telefonat werden wir von meinem Vater abgeholt. Mit einem Audi Cab. Zur Fahrt starten wir, als ginge es keine 200 km weit, sondern um die Ecke. Oder zumindest kommt es uns so vor. Das Wetter ist frisch geworden und langsam spürt man deutlich den Abend.

Als eine leidenschaftliche Cabriofahrerin habe ich sie kennengelernt. Jetzt sitzt sie bei mir auf dem Beifahrersitz und ihr Cab steht in Neuss auf dem Parkplatz. Draußen zieht langsam die Dämmerung auf, Dach ist zu und meine Diva scheint endgültig verstanden zu sen, was Sache ist. Es gibt kein Herumgezicke, keine Geräusce, unbeirrt frißt sie die Kilometer. Schönes, braves, toughes Mädchen. Wir fliegen durchs Sonnborner Kreuz, lassen die A46-Achterbahn hinter uns und wechseln auf die A1. Ich schalte den CD-Player ein. Luxuslärm, "1000 km bis zum Meer". Wir lauschen dem Song und müssen lachen. Irgendwie paßt der Text. Auch wenn es heute garnicht ans Meer geht und es nur 400 km sind. Die restlichen 600 schaffen wir auch.

Die halbe Strecke fällt zusammen mit der Wasserscheide zwischen Abend und nacht, als wir an einem Rasthof anhalten. Die Sonne hängt sehr tief im Westen und fast der gesamte Himmel ist tiefblau geworden. Hier und da heller, wo die Wolken sind. Alle Arten von Wolken, bis auf die ganz gemeinen. Ist auch gut so, die können wir heute garnicht gebrauchen. Aus einem Automaten, der wie eine riesige alte Wurlitzer-Jukebox aussieht, holen wir uns heissen Kaffee. So heiss, daß er fast ungenießbar ist. Die Becher finden einen Platz in der Mittelkonsole. Abkühlen können sie auf der Fahrt.

Die so gut wie untergegangene Sonne scheint überm Horizont und wirft ein Paar letzte zerstreute Strahlen auf die hoch im Himmel hängenden Wolken. Wie schön die Ansicht ist, fällt uns beiden auf. Gedankenübertragung? Ich weiß es nicht. Will ich es auch nicht wissen, es ist einfach nur schön. Die grobe Fahrtrichtung ist Osten, so hat die Dunkelheit einiges an Mühen, uns einzuholen. Ich zähle nicht die Kilometer. Gefühlt bin ich für mindestens doppelt so viele gut. Und wie es so oft auf langen Fahrten ist, wird das Cab zu einem Raum außerhalb der Zeit. Sie krault mir den Nacken. Zärtlich und doch auf eine zärtliche Art rücksichtsvoll. Schließlich bin ich am Fahren. Dennoch, diese Berührungen möchte ich nicht mehr missen. Das Gesprächsthema wechselt hin und her. Später werden wir uns wohl nur bruchstückhaft an die genauen Worte erinnern, doch nichts vergessen oder mißverstanden haben.

All das läßt die restlichen Kilometer gefühlt fast auf eine Kaffeefahrt zusammenschrumpfen. In der Dunkelheit kommen wir bei Ihr an. Meine Diva darf unterm Carport, wo normalerweise ihr Cab steht. Ihre Kinder sind noch wach und wäre nicht der Ernst der Lage, würden sie sich über uns wohl kaputtlachen. Vielleicht am nächsten morgen. Ich springe kurz unter der Dusche, leihe mir ein mindestens 2 Nummern zu großes T-Shirt von ihrem älteren Sohn. Meine eigenen Klamotten habe ich mittlerweile seit 36 Stunden an, es gibt angenehmeres. Ich stelle mir vor, mit dem T-Shirt morgen auf der Arbeit aufzukreuzen. Darüber lachen wir alle.

Einen Kaffee später sind wir wieder unterwegs. Diesmal grob nach Westen, tiefer und tiefer in die Nacht. Eigentlich eine ganz normale Nacht auf der Autobahn. Gut, vielleicht ein wenig mehr Verkehr durch die ganzen LKW, die aus ihrem Tagschlaf aufgewacht sind und den vielen Wochenendpendlern, die unterwegs in eine neue Woche sind. Und dennoch passieren seltsame Dinge.

Die generelle Relativitästheorie besagt, daß ein Körper, in der Nähe eines schwarzen Loches sich durch die Verzerrung von Zeit und Raum mit zunehmender Nähe zum schwarzen Loch immer mehr längt, während Breite und Höhe abnehmen. Selbst im Fachjargon nennt sich der Vorgang "Spaghettisierung". Dabei soll der Körper seine Dimensionen unverändert beibehalten. In fast jedem Physiklehrbuch wird man diese Erklärung finden. Klingt auch plausibel, hört sich aber wie Schwarze Magie an. Oder wie ein Wunder.

In dieser Nacht glaube ich daran, denn genauso fühlt sich die Fahrt zurück an. Während sich die Autobahn immer mehr und mehr in die Weite zieht, fühle ich mich, als wäre der Cab kleiner geworden, als wären meine Beifahrerin und ich immer näher gerückt. Dabei sitzen wir unverändert im gleichen Cab und meine blaue Diva gibt keinerlei Zeichen vor sich hin, daß irgendwas mit ihr passiert wäre. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, was wieder die Kilometer kürzer erscheinen läßt. Dabei sind es unverändert viel.

Wir hoffen. Nicht auf das Schwarze Loch, was uns immer näher und näher an sich zieht, sondern auf das schwarze Cab. Auf ihr Cab. Bei dem Gedanken, es könnte ihm was passiert sein, geht und wohl beiden das allerwerteste auf Grundeis. Doch irgendwie ist nicht so richtig Platz für diesen grimmigen Gedanken. Und doch ist er immer da. Immer deutlicher, je näher wir uns dem Ziel nähern.

Tankpause. Draußen ist es garnicht mehr lustig, sondern nächtlich kalt. Nicht mehr angenehm kühl. Es muß wohl weit nach Mitternacht sein. Und nein, ich bin nicht imstande, in dieser Hinsicht das Begriff "weit" genauer zu definieren. Meine Beifahrerin auch nicht. Auch wenn sie die beste Beifahrerin der Welt ist, gewisse Dinge entziehen sich selbst ihrer Phantasie und ihren Kräften.

So vermag keiner von uns, die Zeit voranzutreiben, als es endlich runter von der Autobahn geht. Durch all die Ampeln kommen wir gut durch. Auf dem Südring, vorbei an Aral und Burger King. Überm Rhein. Auf der Auffahrt zur Brücke immer schön 70 halten, in Höhe der Straßenbahn-Haltestelle steht ein Starrenkasten. Rechts abfahren, rechts abbiegen. Nächste Ampel links. Am Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nehmen. Dann nur noch geradeaus über zwei Ampeln.

Die vorletzte Ampel steht auf rot. Vielleicht schützt mich die sich unbemerkt eingeschlichene Müdigkeit, mich richtig der Mischung aus Angst, Hoffnung und Ungeduld hinzugeben. Wenn alles, was gerade passiert, ein Film oder ein Buch wäre, würde ich sagen, diese Mischung könnte man förmlich riechen. Doch selbst meine Vorstellungskräfte reichen nicht aus, um dieses Gefühl wahrzunehmen. Oder vielleicht hat es doch eine gewisse betäubende und lähmende Wirkung und deswegen merke ich es nicht?

Ampel ist grün. Nur noch ein halber Kilometer. Der letzte halbe Kilometer. Anfahren. Gänge bis in den dritten durchschalten. Nicht zu sehr beschleunigen, es geht sowieso gleich auf dem Parkplatz. Links hinter der Hecke ist er. Kaum fünf Stunden zuvor war er fast voll, jetzt so gut wie leer. Ganz leer? Ich schalte den Blinker ein. Links abbiegen.

Es geht alles zu schnell. Durch ein Loch in der Hecke erspähe ich eine bekannte schwarze Silhouette. Keine Zeit, es Ihr zu sagen, schon rollen wir auf dem Parkplatz. Da steht ihr Cab. Glänzt im orangenen Licht einer Laterne. Auf die Heckscheibe hat sich schon Tau gelegt. "Da ist mein Baby, hoffentlich hat er sich nicht so sehr erschreckt die ganzen Stunden", murmelt sie. Ich parke neben. Kaum sind wir ausgestiegen, fallen wir uns in die Arme. Es fühlt sich fast so schön wie Stunden zuvor am morgen. Es ist definitiv kein Traum, und doch irgendwie wie im Traum.

Eine kurze Schrecksekunde überkommt uns, als wir entdecken, daß ihr Cab offen ist. Sie wühlt sich schnell durch Handschuhfach und Türtaschen. Alles da. Ein Zettel unterm Scheibenwischer bringt die Erklärung. Jemand hat wohl den Schlüssel gefunden und bei der Polizei abgegeben. Abzuholen in der Wache. Wir können es kaum glauben.

Wer die zwei Cabrios am frühen morgen auf dem Weg zur Polizeiwache gesehen hat, hat wohl auch kaum seinen Augen getraut. Wenig später hat sie auch ohne größere Formalitäten ihren Schlüssel wieder. Läßt sich die Kontaktdaten des Finders geben. Nicht nur sie ist diesem Mann zutiefst dankbar. Jemand, dem man nur alles Glück der Welt wünschen kann. Ohne ihn wären selbst die 400 Kilometer umsonst.

Auf dem Polizeiparkplatz stehen unsere Cabs. Glänzen sanft im Neonlicht. Gleich geht es nach hause. Als wir ausfahren, fährt sie vor mir. Die beste Cabriofahrerin der Welt. An einer Ampel biegt sie ab. Für eine letzte Sekunde sehe ich die Rücklichter ihres Cabs, dann geht es nach hause. Ich hoffe und bete, daß sie nicht zu müde für die Heimfahrt ist. Irgendwo im Hinterkopf sage ich mir, sie ist eine Vollblut-Cab-Lady, sie schafft das.

Zuhause kassiert mich dann ganz schnell die Müdigkeit. So bin ich im Tiefschlaf versunken, als sie mir schreibt, sie wäre bei Sonnenuntergang nach Hause gekommen. Die SMS lese ich erst am nächsten morgen. Sie muß wohl in der Morgendämmerung zuhause angekommen sein. Daran, ob der Sonneuntergang ein Scherz oder ein Versprecher gewesen ist, mache ich mir aber absolut keine Gedanken. Denn eins weiß ich ganz genau.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

2 responses to “Zeichen und Wunder”

  1. hexxxe says:

    ich hab die felsbrocken bis hier purzeln gehoert, als sich der schluessel wieder eingefunden hat. 😀

  2. Mama says:

    Големи “късметлии” сте и двамката! Важното е, че не сте се ядосали и сте прекарали добре! Това ще ви остави хубав спомен.

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