Unwahr

Der Schlaf in der Nacht zuvor war alles andere als erholsam und der Morgenkaffee fehlt mir merklich, als ich das Cab auf die schmale Landstraße steuere. Im Hinterkopf verpsüre ich ein leichtes Ziehen und im Mund den fahlen Nachgeschmack von der zuvor gerauchten Zigarette. Bin entweder wieder müde oder immer noch nicht richtig wach. eigentlih bräucthe ich eine Pause, gutes Frühstück und ein Pott kaffee. Alles noch in weiter Ferne.

Das unwillige grummeln aus dem Auspuff lenkt meine Achtung auf den Drehzahlmesser. 3500 Umdrehungen bei kaltem Motor sind entschieden zuviel. Hastig trete ich die Kupplung, gehe dabei zu spät vom Gas und knalle den dritten Gang rein. Kupplung rutscht durch beim Einkuppeln, Cab macht einen Satz nach vorne und scheint sich genauso abrupt auf die Vorderachse aufzustellen, als ich aufgeschreckt vom Gas gehe. Meine Hände umklammern das Lenkrad fester, als ich die Kupplung halb durchtrete und mit etwas mehr Gefühl im Gasfuß versuche, die richtige Drehzahl zu treffen. Kupplung sanft kommen lassen. Passt. Bis ich alles wieder im Griff habe, hat mein Herz ein Paar Schläge übersprungen.

Ich schüttele den Kopf und die Morgenluft nutzt den Moment, mir unter dem Kragen zu kriechen. Obwohl der Motor noch kalt ist, drehe ich die Heizung hoch. Sitzheizung am oberen Anschlag. Wenn ich mit nur einem Wort diesen Morgen beschreiben müßte, dann wäre es klebrig. Die Landstraße windet sich durch eien Tal. Rechts davon ein Flüßchen und ziemlich dichter Wald an den Hängen auf beiden Seiten. Morgentau überall, überm Fluß sind gerade die Nebelzungen zu einer ebenso undurchdringlichen wie frostig aussehenden Nebeldecke zusammengeschmolzen. Die Sonne scheint ganz scheu ins Tal hinein und ihre Strahlen fühlen sich noch nicht warm genug an. Hier unten ist es immer noch kühl und feucht. Und klebrig. Irgendwie erinnert mich die Luft an Rostumwandler - kriecht in dem kleinsten offenen Spalt und haftet überall. Wenigstens stinkt und ätzt sie nicht wie Fertan. Das macht sie aber nicht angenehmer, wenn sie einem unter die Kleidung kriecht. Ein wenig tut es mir sogar leid, Verdeck aufgemacht zu haben. Selbst der Fahrtwind fühlt sich so an, als würde man aus nächster Nähe mit nassen Haaren einen Ventilator anstarren.

Angeblich soll man nach einer durchwachten Nacht das gleiche Reaktionsvermögen und verlangsamte Denken haben wie jemand mit einskommairgendwas Promille im Blut. Das würde wohl erklären, wieso ich (obwohl stocknüchtern) mich wie angetrunken fühle. Selbst mit der Lenkung habe ich arg zu kämpfen und muß mich konzentrieren, um nicht dauernd korrigieren zu müssen. An einer verschlissenen Vorderachse oder falschen Reifendruck liegt es bestimmt nicht.

Ich schnappe mir die auf dem Beifahrersitz lose herumrollende Wasserflasche. Helfe mir mit der linken Hand, um den Verschluß aufzudrehen, produziere Prompt einen Schlenker und die Kappe rollt irgendwo im Fußraum weg, als ich wieder alle Finger auf dem Lenkrad lege und das Cab wieder in die Spur bringe. Macht nichts, die kleine Flasche ist nur halbvoll. Oder halbleer. Cab hat über nacht draußen gestanden, deshalb ist das Wasser kalt. Ich trinke es aus. Hilft etwas gegen die Müdigkeit und spült den Zigarettengeschmack ein wenig weg.

Mit etwas mehr Konzentration rollt das Cab schon sicherer in der Spur und ich sehne mich nach der Auffahrt zur Autobahn. Daß man der immer näher kommt, merkt man an der steigenden Anzahl LKWs. Bei Gegenverkehr bleibe ich dann hinter einem besonders gemächlich herumtrödelnden Vertreter der Gattung stecken, beiße die Zähne zusammen und erhöhe den Abstand. Gleich kommt sowieso eine Ortsdurchfahrt. Und wie es der Teufel so will, wird an der Hauptstraße seit Monaten gebaut. Wer an der Hauptstraße wohnt, hat es schon längst aufgegeben, die Fenster aufzumachen oder seine Wäsche zum Trocknen auf dem Balkon aufzuhängen. Hmmmmm....Wäsche...Bettwäsche? Klingt so schön warm und kuschelig...gäääääähn...

Nur der vergrößerte Abstand rettet mich davon, dem LKW vor mir unterm Anhänger zu fahren. Zu heftig steige ich auf die Bremse und erwische nicht rechtzeitig die Kupplung. Toll. Mit abgewürgtem Motor bleibe ich ziemlich genau in Höhe Ortseingangschild stehen. Der LKW hinter mir nickt heftig zustimmend mit dem Führerstand und grüßt mich mit entnervten Zischen seiner Bremsen.

Der Motor springt unwillig wieder an und darf im Leerlauf vor sich hin brabbeln. An der Baustelle ist seit neuestem eine Ampel und wo normalerweise 3-4 Autos vor dem roten Licht stehen, tummeln sich jetzt 6-7 LKW. Mit mir dazwischen im Sandwich. Das ganze gefühlte 20 Minuten lang. Oder wie lange es braucht, bis der erste LKW in der Schlange merkt, daß es eine verkehrsabhängige Ampel ist, er 2-3 Meter zu weit vom Sensor steht und endlich mal vorfährt, damit es grün wird. Das nervt. Ich ziehe die Handbremse an und meine Gedanken schweifen ab richtung Kaffee, Sonne und Kopfkissen...

Aus dem Halbschlaf reißen mich jäh die Posaunen von Jericho. Naja, nicht ganz, es ist nur das Huporchester vom LKW hinter mir. Ich öffne aufgeschreckt die Augen nur um zu sehen, daß mein Vordermann schon losgefahren ist. Wieder einmal ein verbocktes Anfahren (erst Handbremse lösen, verdammt noch mal!) und mit schleifender Kupplung geht es vorwärts. Fürs erste Gang zu schnell, fürs zweite zu langsam. Und ich dachte, ich würde am Steuer pennen heute morgen. Als ich langsamer werde, komme ich wieder in dem Genuß der Symphonie für LKW-Trompeten. Statt Beifall zeige ich mal dem Dirigenten den one-finger-salute. Langsam reichts.

Freie Fahrt! Der LKW vor mir biegt auf die einzige Tankstelle im Örtchen ab. Na dann. Bis Ortsausgang rolle ich im zweiten Gang im Leerlauf und beobachte genüßlich, wie der Brummi hinter mir den Abstand immer weiter verkürzt. Es ist ein Freightliner mit goldmetallicfarbenem Führerhaus und üppig Chrom. Wie es sich gehört. An einem anderen Tag würde ich bei dem Anblick eines solchen Trucks mindestens so breit grinsen wie der monströse Kühlergrill, der mittlerweile gut die Hälfte meines Blickfeldes nach hinten füllt. Heute nervt's. Und ich nerve gegen. Tempo 70.

Der Freightliner antwortet mit Blasmusik und setzt zum Überholen an just in dem Moment, als ein Platzregen kommt. Meine Brille beschlägt, ich kann kaum noch sehen und gehe weiter vom Gas, während das Ungetüm neben mir zieht. Schmale Landstraße, an beiden Seiten Leitplanken, keine Haltebuchten. Ich kann kaum noch irgendwas vor mir sehen und Kämpfe mit einer widerlichen, schlagartig einsetzenden Panik. Gleich ist der Truck an mir vorbei. Nur in meinem Kopf scheint er schneller zu sein als in der Realität. Ich steige auf die Bremse.

Zu spät. Aus der Kurve vor uns taucht ein weiterer LKW. Kaum 100 meter entfernt. Kein Platz für uns drei nebeneinander. Verzweifelt trete ich Bremse und Kupplung durch. Der Freightliner zieht gleich nach rechts und das war's...

Mit einem Schlag finde ich mich in einer warmen Dunkelheit wieder, mein Puls jenseits von gut und böse. Ich zwinge mich, kurz den Atem anzuhalten. Obwohl mir der Ort bekannt ist, dauert es einige Minuten, bis ich realisiere, schweißgebadet im Bett liege.

War es wirklich "nur" ein Alptraum?

One response to “Unwahr”

  1. Mama says:

    Изплаших се!!!! Помислих, че наистина си катастрофирал. Ти просто си описваш кошмарния сън,

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