Untreu

Viertes Wochenende Dienst in Folge. Mein Hirn befindet sich in einem mir sehr wohl bekannten muskelkaterartigem Zustand, als ich die Übergabe schnell durchziehe. Kurz in der wohnmobilartigen Duschkabine im Dienstzimmer springen. Fühlt sich schon besser an. Sachen packen und raus in das Oktobergrau. Draußen Feiertagstristesse der Extraklasse. Statt auf gewohnte Straßen geht es diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Einmal quer durchs nördliche Ruhrpott und dann nach Süden.

Wie man es vom Ruhrpott-Oktober gewöhnt ist, ist es grau und zugezogen und an diesem frühen Morgen sind die Straßen wie leergefegt. Es nieselt immer wieder, so bleibt Verdeck zu. Heute hat aber all das etwas beruhigendes an sich. Vielleicht hat es etwas mit meinem aktuellen Reiseziel zu tun. Was ich vorhabe, vollbringt man besser nicht bei Sonnenlicht in aller Öffentlichkeit. Oder selbst wenn, dann lieber an einem Ort, wo keiner einen kennt.

Im Grunde genommen bin ich dabei, untreu zu werden. Ob ich dabei ein schlechtes Gewissen habe? Fraglich. Freue ich mich darauf? Jain. Ist es das erste mal? Nein. Oder doch? So nah, nicht nur an dem Gedanken, sondern auch daran, den Träumen und Worten Tate folgen zu lassen, war ich noch nie. Alles andere bisher waren unverbindliche Treffen ohne seriöse Absicht und im Endeffekt fand ich mich fast nur mit Blendern konfrontiert. Zu aufgedonnert, zu sehr war der Lack ab und hinterließ einen faden Nachgeschmack. Welchen ich mir verdient habe, wenn man mir diese selbstkritische Bemerkung erlaubt.

Aus der Gefühlswirrwar befreit mich der Anblick des Golfs, der an der Ampel neben mir hält. Etwas verbraucht wirkender 3er, wohl gerade dabei, gecleant und aufgedonnert zu werden. Rechte Seite hat irgendwo wohl eine Begegnung mit einem feststehenden Gegenstand gemacht, wie der auf Tür und hinterem Seitenteil aufgetragene und geschliffene Spachtel verrät. Daß aber selbst auf dem Spachtel Spuren einer weiteren unliebsamen Begegnung mit einem festen Gegenstand sind, bringt mich zum Lachen. Wie war das noch, eine Kugel schlägt nie zweimal an derselben Stelle? Scheinbar doch. Es bedarf nur einer talentierten Fahrerin. Da aber die Ampel auf grün umspringt, habe ich keine Zeit, sie näher zu studieren.

Es ist wohl der Zauber des 3. Oktober, daß alle Autobahnen auf meiner Fahrt frei sind, so komme ich zum Treffpunkt etwas schneller als erwartet. Die "Übeltäterin" steht genau dort, wo ich sie vor wenigen Tagen zum ersten mal getroffen habe. In zweiter Reihe, dennoch, weitab von der dunkelsten Ecke entfernt. Wer sie sehen möchte, könnte das ohne weitere Probleme. Irgendwie eine Klasse für sich. Besser könnte man kaum Selbstbewußtsein mit Understatement verbinden.

Zu ihr würden auch ganz andere Farben passen, doch sie trägt schlichtes weiß. Man könnte fast meinen, zu schlicht. Sie ist groß, doch die langen geraden Linien und die weich gezeichneten, aus so manchem Blickwinkel kaum wahrnehmbaren Rundungen lassen sie schlank erscheinen. Nein, sie sieht nicht so aus, sie ist so. Schnell und dynamisch schon im Stand. Kleine Details verraten schon, daß sie nicht die jüngste ist, passen aber so perfekt, daß es unmöglich wäre, sie in einem anderen Look vorzustellen. Statt Silber oder Gold trägt sie Chrom. Nicht viel davon, aber stil- und geschmackvoll platziert. Die Kombination aus wenig Chrom und schwarzem Kunststoff sieht nach späte 70er Jahre aus. Passt in etwa, auch wenn in Ihrer Figur soviel zeitloses ist. Selbst die verrippte Plastikverkleidung der B-Säule und den kleinen Stummelspoiler auf dem Heckdeckel trägt sie eher als Hommage an ihr Jahrgang und nicht als halbstarke Kampfansage. Ihre größeren Zwillings(halb)schwestern sind ohne solches Schnickschnack ausgekommen. Doch die sind alle längst in festen Händen. Und in guten. Die meisten zumindest.

Die Lady vor mir nicht. Sie ist auf der Suche, und so kam es dazu, daß ich ihr begegnet bin. Ich schaue zu ihr. Da steht sie, elegant, zeitlos und still. Schon die flache und spitz zulaufende Nase sieht aus, als würde sie nach mehr verlangen. Vier Rundscheinwerfer blicken mich aus dem schwarzen Kunststoffgrill an. Der Blick fühlt sich an wie ein geworfener Handschuh. Immer noch bin ich am grübeln, wonach sie auf der Suche ist. Nach ihren wilden Jahren? Nach ihrem zweiten Frühling? Oder doch nach dem schier unerreichbaren Mr. Right, der es versteht, sie gleichermaßen zu verwöhnen und zu fordern?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, es kommt genauso darauf an, ob ich mich für die Rolle reif fühle. Und ich weiß, heute werde ich es nicht herausfinden. Es ist nur ein kurzes Date und nicht unbedingt der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Angeschaut habe ich sie mir schon lange, heute darf ich sie auch anfassen. Nur ganz kurz, aber selbst das genügt, um ein leichtes Kribbeln im Bauch zu verspüren.

Der Händler weiß über mein Date. Eigentlich hätte er den Feiertag irgendwoanders genießen können. Ich weiß nicht, weswegen er hier ist. Wegen mir und der Lady in weiß bestimmt nicht. Über mein "Date" weiß er bescheid, jedoch scheint er auch anderes zu tun haben. So müssen wir mehrere 911er, einen schwarzen Peugeot 306cc und einen BMW M3 hin- und herschieben, bis der Weg frei ist. Geht alles überraschend schnell und leicht, trotz der beengten Raumverhältnisse. Oder haben selbst weitaus neuere 911er mit doppelt soviel PS und vollem Renntrimm sowas wie Respekt vor ihr?

Ohne ein wenig Rumgezicke geht alles doch nicht über die Bühne. Die Batterie ist platt. Mit Starthilfe springt der Motor doch an, hustet ein wenig Blaurauch aus und läuft rund und ruhig auf allen sechs Zylindern. Kurzer Griff am Gasschieber. Motor röhrt sauber hoch, und dreht zurück in dem trügerisch einlullenden sechsender-Leerlauf. Dabei hustet er nur kurz eine kleine Rauchwolke aus. Nein, sie ist definitiv nicht mehr die jüngste, aber irgendwie kann ich nicht anders, als an einem Satz neuer Ventilschaftdichtungen zu denken.

Das Ausfahren aus dem Showroom überlasse ich dem Händler. Zu enges Raum und zuviel teures Blech drumrum. Ein Streifenwagen fährt vor. Die Polizisten erkundigen sich kurz, was das Treiben soll an einem Feiertag. Probefahrttermin? Klar. Welcher Wagen? Der hier? So können wohl nur Polizisten fragen, steht etwa ein anderes Auto mit laufendem Motor an der Ausfahrt? Mit undefiniertem Blick nehmen sie mein "Objekt der Begierte" in Auge. "Schöner Wagen", höre ich leise im Hintergrund gemurmelt. Danke, das weiß ich. Aber ob Schönheit alles ist? Was PS-Zahl angeht, dürfte der silber-grüne Streifen-Passat fast genausoviel haben. Geht mir aber am Arsch vorbei.

Der Verkäufer schraubt die roten Schilder an, kassiert mein Perso und mach einen Eintrag ins Fahrtenbuch. Kilometerstand wird wohl später ergänzt. Jetzt bin ich dran. Frage kurz vorher danach, wo man hier eine Landstraße mit wenig Verkehr findet. Ist zum Glück nicht weit weg. Kurze Unterhaltung wegen der zitternden Temperatur- und der ausgefallenen Spritanzeige. Laut Bordcomputer dürfte aber genug Benzin im Tank sein. Restreichweite von hier bis Bremen und halbe Strecke zurück oder so. Nee, soweit wollte ich es heute nicht kommen lassen. Ich steige ein.

Was außen angefangen hat, setzt sich in den inneren Werten fort. Alle Schalter sind in Reichweite. Spritanzeige immer noch auf null, aber dafür signalisiert das Kühlwassertemperatur-Schätzeisen jetzt beste Gesundheit. Die Tür fällt ins Schloß mit einem satten "klack!". Im Bordcomputer durchblättern. Scheint alles in Ordnung zu sein. Die Kombination aus niedriger Sitzposition, niedriger Gürtellinie und der im Vergleich dazu hohen Dachkanzel vermitteln einen natürlichen Raumgefühl. Weder zu eng noch zu weit und so lichtdurchflutet, als wäre all das Blech, Stoff und Glas garnicht da. Gleichzeitig sind alle Schalter so gut und schnell erreichbar, daß die "Schaltzentrale" eines neumodischen Kleinwagens im Vergleich dazu wie ein Puzzlespiel aussieht. Wenn nicht diese schaukelartige Sitzhöhenverstellung wäre. An die muß man sich erst gewöhnen. Ziehen, drücken, ziehen, drücken...passt! So leicht kriegt man sie doch nicht rum, aber fürs erste ist es garnicht so schlecht.

All die heutzutage selbstverständlichen elektrischen Spielereien waren zu Ihrer Zeit ein Privileg der Oberklasse. Fensterheber, Spiegelverstellung, elektrisches Schiebedach. Alles funktioniert tadellos, als wolle sie mich dazu auffordern, mich nicht mit Spielchen aufzuhalten. Der stehend montierte Gaspedal ist gewöhnungsbedürftig, ebenso die Kupplung. So leichtgängig, wie sie ist, genauso fest definiert ist der Druckpunkt. Das erste Anfahren erfordert schon einges an Vor- und Rücksicht. Sie läßt mich gewähren. Wir rollen langsam vom Hof.

Seinerzeit haben Tester die ausgewogene Fahrwerkabstimmung gelobt. Ob das auch auf die originalen TRX-Räder zutreffen mag? Für festen Kontakt zum Boden sorgen momentan 17" BBS-Felgen mit Pneus modell walzenbreit/papierdünn. Steht ihr aber fast genausogut wie die TRX-Räder, mit denen sie seinerzeit vom Band gerollt ist. Lenkverhalten marke mikrometergenau. Im dritten Gang fahren wir auf die Hauptstraße des verschlafenen beinahe-sauerländischen Städtchens.

Andere Autos sind fast keine da, dennoch verunsichert mich die Lady ein Bißchen. Federung arbeitet leise irgendwo gaaanz tief da unten, vom Komfort könnte sich so mach moderne Reiselimousine dick eine Scheibe abschneiden und dennoch merkt man, daß das Asphalt hauptsächlich aus Flickwerk besteht. Dabei ist es keinesfalls unangenehm. Es fühlt sich an, als würde sie auf vollen Körperkontakt zu mir gehen. Mehr Rasse als Klasse? Als ich beginne, die Flickwerke zu umfahren, wird alles leise und unaufdringlich. Mehr Klasse als Rasse. Oder ist sie beleidigt?

Anscheinend keinesfalls. Als es auf einen kurzen Stück Landstraße geht, drücke ich aufs Gas, sehr zur Freude der durchaus gut im Futter stehenden sechs Zylinder. Ohne einen einzigen zusätzlichen Geräusch wird die Pedalbewegung scheinbar direkt in Vorwärtsdrang umgewandelt. Mich drückt es in dem Sitz und die Lenkung wird zunehmend fester. Blitzschnell sind die 5 Gänge durchgeschaltet, und ehe ich es merken kann, fliegen wir durch ein Tal mit langgezogenen Kurven. Kein anderes Auto, was unser Spiel stört. Schade, daß wir nicht auf die Autobahn dürfen zur Zeit, denn ich werde mit so einem Fahrgefühl verwöhnt, als wollte mir die Lady mitteilen, es ist ihr sehr ernst mit mir. Gleichzeitig gibt sie mir auch einen Vorgeschmack, der vom Stand weg süchtig macht.

Ein Blick auf dem Drehzahlmesser verrät mir, daß dies nur der Anfang ist. Mein eigener Puls ist eindeutig viel schneller. Auf dem Boden der Tatsachen hole ich (mich? uns?) mit einem ABS-Test, bei dem sie noch einen weiteren Punkt für sich verbucht. Sie so hart ranzunehmen, daß das ABS eindeutig einsetzt, schaffe ich nicht. Noch härter?

Bevor ich mit der nach außen hin unschuldigweißen Verführungskünstlerin endgültig durchbrenne, zwinge ich mich zu einem Wendemanöver auf einem Parkplatz und muß innerlich grinsen, als der erste Gang beim Herunterschalten bockt. Jetzt spielen wir also "ein Bißchen beleidigt". Tut mir leid, die Tricks kenne ich. Beim herausfahren aus dem Parkplatz und dem anschließenden Linksabbiegen gebe ich ihr die Sporen. Sanft setzt die Differentialsperre ein und das Heck drängt nach außen. Vor Verführung bin ich zwar nicht gefeit, habe aber schon ganz andere Biester gezähmt. Als ob sie das merken würde, kommt das Heck genausoviel nach außen, daß wir wieder in der richtigen Richtung fliegen.

Und die heißt momentan zurück zum Händler. Bloß nicht zuviel beim ersten Date. Ich stelle sie auf dem Hof ab. Kurzes Gespräch, nichts entscheidendes, und schon sitze ich mit einem Hauch Schuldgefühl wieder in meiner Diva und befinde mich auf dem Weg nach hause. Im Vergleich dazu kommt sie mir im Moment laut, ruppig und direkt vor wie eine ungezogene Göre. Es macht mir aber nichts aus. Dafür sind wir schon zu lange zusammen und kennen unsere Launen. Als ich es durch die A46-Achterbahn fliegen lasse, scheint sie mir meine Untreue endgültig verziehen zu haben.

Zum Glück bin ich zu müde, als ich zuhause ankomme, so falle ich fast sofort in Schlaf. Einen Schlaf so tief, daß weder Schuldgefühle noch die verführerische Lady in Weiß mich erreichen können. Für den Moment ist es so am besten.

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