Luckytown

Tag nach beschissenem Dienst. Kaum 3 Stunden geschlafen, Oberarztvisite als Parforce-Ritt durchgezogen. Ich will nur noch nach hause. Und könnte mir in den Arsch treten dafür, daß ich den Samstag anstatt zu cruisen stundenlang Cab geputzt habe. Das schöne Wetter an dem Tag hatte ich verpasst, und Sonntag war es verregnet und grau. Und montags wieder ans Aufmachen nicht denken. Erst gestern war es soweit...auf der Fahrt zum Dienst. Gerade mal eine Stunde kurzes Vergnügen als Vorgeschmack auf 12 Stunden Arbeit am Stück und Notfällen, die sich gewaschen haben.

Auf dem Weg raus aus dem Krankenhaus pfeife ich vor mir hin einen Song. Bruce Springsteen, Luckytown. "Going down to Luckytown, down to Luckytown, gonna lose this blues I've found, down in Luckytown". Mitnichten, Boss. Weiß nicht, wo Luckytown ist, aber Gelsenkirchen ist es bestimmt nicht. Ich schaue mal zum Himmel hinauf. Diesig und zugezogen, die Sonne scheint durch die Wolken hindurch müde und lustlos, als würde man eine Gühlbirne beobachten, die hinter dickem Mattglas steht. Und so warm wie gestern ist es auch nicht.

Wieder einmal trete ich mir in Gedanken selber in den Ar$ch. Es lohnt sich wohl nicht, auf was gutes oder schönes in der Zukunft zu hoffen, schießt es mir durch den Kopf. Und ginge es auch nur ums Wetter. Irgendwie wird man just in dem Moment, wo man auf was schönes hofft, beschissen. Wenn's bloß nur ums Wetter ginge...

Im Klinikparkhaus ist es schattig und kalt. Und feucht. Ganz und garnicht lustig. Ich weiß nicht, ob es ne Trotzhaltung ist, aber Verdeck lasse ich dennoch im Kasten verschwinden. Vor dem Losfahren denke ich ein Stück nach, die CD zu wechseln, belasse es aber doch bei Springsteen. Hoffentlich hast du recht, Bruce. Auf nach Luckytown. Trotz durchaus formidabler Kälte lasse ich die Scheiben unten und schaue zur Sonne hinauf. Spielt Spielchen, versteckt sich hinter Wolken. Heute nicht mit mir.  DU nicht. "I've got dirt on my hands but I'm building me a home.....down in Luckytown". Selbstverständlich mit Radio auf volle Kanne.

Auf der Autobahn bei 170 Sachen werde ich freundlich, aber mit Nachdruck daran erinnert, daß ich weder Eisbär noch Walroß bin, sondern zu der Gattung homo sapiens recens gehöre. Der Fahrtwind um die Jahreszeit ist nicht unbedingt mein Ding. Scheiben hoch, Heizung aufgedreht. Wenigstens hält das einen wach, selbst in meinem Zustand. Und denselben Song höre ich mindestens 5mal hintereinander. Nette Erinnerung, hatte es zum allerersten mal gehört, als ich noch als Fahrschüler froh war, einen siechen Fahrschul-Lada 2105 weniger als 2mal bei 10 Anfahrversuchen abzuwürgen. Gut nur, daß der Fahrtwind auch die Gedanken durcheinanderzuwirbeln scheint. Wüßte sonst garnicht, was mit mir geschehen würde...

Düsseldorf ist schnell erreicht. Wenig Verkehr, so komme ich schnell zum Freundlichen und bestelle die (längst überfälligen) Spanngurte fürs neue Verdeck. Schaue mir die zweithand-Cabs an, die zum Verkauf anstehen. Emotionslos. Irgendwie hat alles den Reiz verloren. Oder liegt's am Wetter? Derselbe alte Springsteen-Song bringt mich auf dem Gedanken, vielleicht bin ich auf dem Weg nach Luckytown irgendwo falsch abgebogen. Gut, daß der nächste Zwischenstopp des Tages ATU heißt. Cab braucht dringend Ölwechsel.

Parken, Auftrag geben. Eine Stunde Wartezeit. Was soll's. Hole mir nen Kaffee aus dem Automaten, schaue mir das Cab, wie er in der Sonne glänzt. Inzwischen ist es doch sonnig geworden, aber genauso bin ich auch müde. Kaffee trinken, rauchen, warten. Der Mittvierziger, der hinter mir an der Kasse stand, fährt mit einem VW-Bus vor einem der Werkstattore vor, lädt 4 Mercedes-Felgen ab, die gleich in der Werkstatt neu bereift werden. Zur gleichen Zeit wird mein Cab reingeholt. Das ging aber schnell, ne Stunde war es bestimmt nicht. Kann kaum den Mechaniker warnen, daß mein Cab das berüchtigte NG-Problem hat, schon steht er auf der Bühne. Die kurze Prüfung verläuft ohne grausame Überraschungen, was noch da unten gemacht werden muß, kenne ich schon alles.

Während ein neuer Ölfilter drankommt und die alte Schlammbrühe aus dem Motor abgelassen wird, schlendere ich nach draußen in der Sonne. Der Mittvierziger mit dem VW-Bus hat sich an der Türschwelle der offenen Schiebetür gesetzt und trinkt einen Kaffee. "Setz' dich", spricht er mich spontan an und deutett mit ner Geste auf dem Platz neben sich. Komisch, eigentlich kenne ich diesen Menschen garnicht, und auf einmal ist er so zu mir. Ich lächele ihn an, setze mich und trinke den letzten Schluck Kaffee. Wir plaudern ein Bißchen. Belangloses Zeug. Er erzählt, die Felgen würden zum Mercedes von seinem Chef gehören, und sein Chef habe sich irgendein ziemlich verlockendes Sonderangebot von ATU nicht entgehen lassen. "Mercedesfahrer, und so ein Pfennigfuchs", werfe ich ein. "Tja, 'haben' kommt von 'halten'", merkt er an. Wir lachen.

Cheffs Mercedes hat neue Sohlen bekommen und Cab frisches Motoröl. Ich verabschiede mich von meinem unerwarteten Gesprächspartner und bin irgendwie erheitert über das unerwartete Gespräch. Woran hat's wohl gelegen? An mir? Am Cab? Keine Ahnung...

Mechaniker fragt mich nach allem, ob ich noch eine Umweltplakette gerne hätte. Wieso nicht, wenn ich schon eine so schnell und unkompliziert mitnehmen kann. Dank TwinTek bekomme ich gar ne grüne. "So dürfen sie wieder in die Innenstadt rein", merkt der Mechaniker an. Als ob's auf die Plakete ankäme.

Während ich die Rechnung bezahle, kämpft er mit dem NG-Problem, sagt später zu mir: "Er hat sich ein Bißchen beim rausfahren gewehrt, aber sonst ist alles in Ordnung". Schn zu hören. Daß Cab vom berühmt-berüchtigten NG-Problem ereilt wurde, weiß ich auch. €111,11 fürs Ölwechsel. Ganz leicht grinse ich. Ob das Glück bringt? N Bißchen davon hätte ich schon gerne.

Auf die letzten verbleibenden Kilometer bis nach Hause wehrt sich Cab nicht mehr. ÖLdruck ist auch in Ordnung. Aber ein Paar Fragen nagen schon an mir.

Wie zum Teufel ging's nochmal nach Luckytown?

Bräuchte man fürs Luckytown auch die Plakette?

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