Love It Or Leave It?

Auf den heutigen Tag habe ich hart hingearbeitet. Eigentlich nichts besonderes, Inspektion in der Werkstatt eines guten Freundes. Die Mängelleiste meines Cabs kenne ich schon, da kann mir weder das fast-Verschlafen noch die alles beherrschende Frühjahrsmüdigkeit was an der guten Laune anhaben. Selbst das Wetter gleicht (passend zum Datum) nach dem Frosteinbruch der letzten Woche fast einem Aprilscherz - der Himmel könnte glatt aus einem Cabrio-Verkaufsprospekt stammen. Temperaturen und Wind sind passend zur Jahreszeit schön warm, aber dennoch frisch. April, der macht was er will.

Ich auch. Windschott kommt dran und Verdeck verschwindet im Kasten. So kann ich auf die Seitenscheiben verzichten, und sollte mich der Windschott nerven, ein Klapps würde mehr als nur genügen. Kleine Ausfahrt zum Freundlichen, der heute seinem Namen alle Ehre macht. Begrüßt werde ich mit Namen als ich mich schon dem Ersatzteilverkauf nähere. Bis ich da bin, liegt die kleine Kartonbox mit den Verdeckgurten schon auf dem Tisch.

Wenig später bin ich auf der Autobahn. Wieder einmal heißt es, bekannte und unbekannte Strecken unter die Räder zu nehmen. Die letzten Kilometer sogar durch oberbergische Landstraßen. Die Region kenne ich ein Bißchen, die Straßen nicht. Alleine das reicht, um mein Herz ein Stück höher schlagen und mich vergessen zu lassen, daß ich nicht nur ein wenig spät dran bin, sondern daß mein Cab gleich auf Herz und Nieren geprüft wird und ganz gewiß ein Paar frische innere und äußere Organe verpflanzt bekommt.

Dazu noch bin ich am "Etappenziel" mit Uwe verabredet. Ihn kenne ich noch nur aus dem Audi-Forum und weiß, daß er einen 2,6er fährt. Am Vorabend hatte er mich noch gewarnt: "Nimm' Sonnenbrille mit, meiner ist frisch poliert." Na dann. Trotz eintöniger Autobahnfahrt kommt tatsächlich sowas wie Freude auf. Einmal mehr einen gleichgesinnten in einer ruhigen Minute treffen. Der (arbeitstechnisch ziemlich ungünstige) Termin scheint sich voll auszuzahlen.

Selbst das lettze Stück schlechtes Gewissen, wieso ich den Termin nicht verschoben habe, verschwindet. Und wieder ist es mir danach zumute, fast allen Cabrio- und RoadsterfahrerInnen um mich herum freundlich zuzulächeln und zuzuzwinkern. Davon gibt es mehr als genug heute - es ist der 1. April, für den Großteil der Saisonfahrer der gefühlte und gelebte Anfang des automobilistischen Frühlings.

Alleine die Überdosis gute Laune bewahrt mich vor einem Stimmungseinbruch als mich der Weg vorbei an Orte führt, die gewisse Erinnerungen mit sich bringen. Nein, es sind keine schlechten Erinnerungen, sondern schöne. Von der Art, nach denen man sich immer wieder sehnt, bis es wehtut. Bittersüß. Sehnsucht, die verheilende Wunde der Seele. Ich schalte die Anlage ein, Tom Petty&The Heartbreakers, "Louisiana Rain". Zum Glück nur aus den Boxen.

Ein wenig nachdenklich bin ich doch geworden, als ich endlich auf die Landstraße abbiege verlassen darf. Mein Cab dagegen vermittelt mir eine geradezu diebische Freude, wieder auf der Landstraße zu sein. In seinem Element. Nein, ich habe es nicht eilig, aber meinem Cab kann ich den Spaß nicht abschalgen. Danke! Die bis gerade alles beherrschende Sehnsucht verkommt zu einer Kulisse für Das durcheinander von Lenken und Schalten, Gasgeben und Bremsen, Gefällen und Steigungen, sonnige kurze geraden und langgezogen kurvende Baumalleen. Und Kurven, Kurven, Kurven. Lange und kurze, welche, die aufmachen, und welche die zuziehen. Wir fliegen mittendurch und die Kulisse rückt in immer weiter Ferne. Oberbergischer Aprilwein. Bitte mehr davon!!!

Ich fahre auf einen Traktor auf und finde mich schnell auf Tempo 25 und damit auf dem Boden der Tatsachen gebremst. Wieder einmal hat mich die angenehm schmerzhafte Sehnsucht fest im Griff. Keine Überholmöglichkeit. Aus der Kurve kommt plötzlich ein anderer Audi angeflogen. Glänzend und funkelnd, und das in einer Farbe...plötzlich realisiere ich, daß das Uwe sein könnte und ich schon einige Minuten spät dran bin. Er hat freie Fahrt, und ich weiß nicht, ob ich nicht zu spät dran war mit der Lichthupe. Der Traktor biegt auf dem nächsten Feldweg ab. Freie fahrt. Inklusive Ortsdurchfahrten und Radarfallen, von denen ich die eine oder andere still mit dem "one-finger-salute" grüße. Zum Glück oder leider löst keine aus.

Ankommen, Inspektionsauftrag geben und Annahme verlaufen unspektakulär. Cab stelle ich offen auf dem Werkstattparkplatz ab. Kaum sind die Formalitäten erledigt, parkt etwas sehr sehr blaues daneben. Verwundert blicke ich drein. Das kann doch nicht wahr sein, tatsächlich, das gleiche Cab, was mir gerade auf der Fahrt begegnet ist. Also habe ich mich nicht getäuscht. Mit Schwung setze ich meine Unterschrift unter dem Reparaturauftrag und laufe aus der Werkstatt.

Eine herzliche Begrüßung und ein wenig Cabriotalk tun doch sehr sehr gut. Leider hat Uwe nicht viel Zeit und damit ich auch nicht, sein Cab zu bewundern. Er erzählt, daß er es der Erstbesitzerin abgekauft hat. Man sieht es auch. Alles sowas von Top in Schuß. Schönes, gut erhaltenes Verdeck, funkelnder Chrom, cremefarbene Lederausstattung und eine Farbe, bei der es mir die Sprache verschlägt. Nicht unbedingt mein Geschmack, sieht dennoch traumschön aus. Uwe erwähnt den "offiziellen" Namen der Farbe, was aber partout nicht in mein Hirn steckenbleibt. Macht nichts. Von nun an nenne ich diese Farbe einfach "unvergesslich blau".

Uwe verabschiedet sich und fährt los. Der Werkstattleiter hat noch ein Paar Fragen an mich, die letzten Formalitäten sind erledigt. Schlendere durch den Showroom, schaue mir die Gebrauchtwagen draußen auf dem Hof. Ein vierjähriger Dreiliter-A3-Quattro mit Lederausstattung für zwanzig Tausend. Da könnte ich schwach werden, und das Finanzierungsangebot ist noch verlockender. Wehmütig blicke ich zum Cab, der unscheinbar zwischen anderen Kundenwagen wartet. Neben Uwes hatte er fast sowas von einem häßlichen Entlein. Love it or leave it...

Aus den Gedanken reißen mich mal wieder meine guten "bekannten" aus der BMW-Tuningsfraktion. Ein extrem tiefgelegter fünfer fährt die Tankstelle auf der anderen Straßenseite an und setzt in der Einfahrt ganz und garnicht leise auf. Die BMW-Jungs, das absolute Garant für spannende automobile Unterhaltung. Dem Geräusch nach war es nur die Bodenpartie und nicht der Auspuff. Das hätte echt Krach gegeben.

Einen Kaffee und ein Brötchen im Tankstellenbistro später verlangsamt sich die Zeit bis zum Schneckentempo und ich bleibe mir selbst und der Sehnsucht überlassen. Eigentlich zu schade um so einen schönen Tag. Trotzdem fühle ich mich ein Bißchen wie im Sommer auf einem Strand. Ohne zu eilen nehme ich mir die Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang, schaue im Esprit-Laden vorbei. Nach Shoppen ist mir nicht zumute, dennoch, ein Paar Sachen merke ich mir vor. In einem kleinen Friseursalon lasse ich mir einen (längst überfälligen) neuen Haarschnitt verpassen. Wagemutig sage ich der Friseuse, sie habe freie Hand und darf selbst entscheiden, was sie aus meinen Haaren macht was am besten zu mir passt. Anscheinend ist sie nicht nur von meiner Lockenpracht entzückt, sondern beherrscht ihr Handwerk auch gut, denn das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wie es wohl meinem Cab gerade geht?

Feierabend kommt näher und ich schlendere zurück zur Werkstatt. Es ist fast Feierabend und mein Freund, der mir den Termin vermittelt hat, ist auch da. Wo schon vorher der Meister etwas von "einiges im Argen" gemurmelt hat, offenbart er mir die Mängelliste mit dem kurzen und eindeutigen: "das ist aber ne ganz schöne Baustelle". Neben den Sachen, die ich noch kannte, ist einiges dazugekommen, und alleine die Teilepreise dürften so manch anderem den Gang zum Abwracker sehr leicht machen. Überrascht bin ich nicht unbedingt. Mehr Probleme bereitet uns die Terminplanung. Besonders wo morgen der Verdeckwechsel und am Wochenende das Saisonauftaktstreffen ansteht. Irgendwie schaffen wir es, doch alles unterzubringen. Dicksten Dank! Das macht alles ein gutes Stück erträglicher.

Unbemerkbar bin ich doch müde geworden. Oder es hat mich alles doch etwas mehr mitgenommen, als ich dachte, so lasse ich es auf der Heimfahrt einfach nur gemütlich zugehen. Solange man in dem Zustand von "gemütlich" sprechen kann. Auf der Landstraße macht es noch Spaß, aber auf der Autobahn lassen Staus und die Eintönigkeit doch unter Verschluß gehaltene Gefühle und Gedanken hochkochen. Und die beruhigen sich nicht, selbst als es wieder zügig vorangeht. Schlußendlich bin ich von all dem einfach nur müde, als ich in der Dämmerung zuhause ankomme. Den Wecker stelle ich mir eine halbe Stunde früher als üblich, morgen habe ich das Termin zum Verdeckwechsel. Nur im letzten Moment vor dem Einschlafen packt mich wieder mal ein Anflug von undefinierter Sehnsucht.

Love it or leave it?

2 responses to “Love It Or Leave It?”

  1. Dani says:

    Love it, never leave it.
    Klingt für mich immer noch nach Chris Rea.
    http://www.youtube.com/watch?v=1wO70IMyGvA

    PS was seid Ihr Cabfahrer doch für Weicheier?
    *Wir* Möppifahrer fahren schon paar Wochen *hüstel*

  2. admin says:

    @Dani: Spätestens nach dem gestrigen Tag gibt’s kein zurück mehr. Neues Verdeck ist schon drauf, und es kommt noch mehr 😉

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