Das schlechte Gewissen

Mir geht es nicht gut und selbst der Resturlaub, den ich gerade "genieße", kann nichts dagegen ausrichten. Viele der Gründe, wieso es mir nicht so gut (um nicht zu sagen, echt mies) geht, schaffe ich es an dem morgen in irgendwelche verwegenen Ecken von meinem Gedächtnis zu verstauen, wo sie zu verstauben haben, bis die ganz zu Staub zerfallen sind. Dennoch geht es mir weiterhin nicht sonderlich. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, und langsam holt es mich ein.

Es bedarf schon einige Tage gründlichst ausschlafen, ausspannen und nixtun, ehe ich mich wieder fit und standfest genug fühle, mich meinem schlechten Gewissen zu stellen.

Es ist nachmittag, ich schlüpfe in Klamotten zum Einsauen, trinke den letzten Schluck längst kalten Espresso und begebe mich auf dem Abstieg. So mancher bunkert seine Skelette im Schrank, anderer Leichen im Keller. Mein schlechtes Gewissen darf auch tief unter der Erde weilen. In der Tiefgarage nämlich. Und wie es der Schicksal auch so will, in der hintersten und dunkelsten Ecke.

Und momentan ist es auch gut so. Der Anblick meines Cabs nach einem Winter fast ohne Pflege bei Tageslicht ist geradezu schmerzhaft. An das zerschlissene Verdeck und das ständige Kippenberg im Aschenbecher habe ich mich längst gewohnt. Den Rest hat man in der dunklen Jahreszeit zum Glück nicht so oft gesehen. Wie denn auch, bin zur Arbeit im dunklen aufgebrochen und im dunklen nach Hause gefahren. Jetzt werden die Tage wieder kürzer fordern buchstäblich grausame Ansichten ans Tageslicht.

Matter Lack mit den Spuren von 6 Monaten Winter. Gefühlt zentimeterdicker Bremsbelagabrieb auf den Felgen. Glas, was an ein bestimmtes Album von Chris Rea erinnert ("New Light Through Old Windows"). Ganz müde glänzender Chrom. Staub und Schmutz im Teppich. Als ich das Cab raus aus der Garage fahre, wird die Liste mit einem Schlag noch länger. Tendiert gegen Unendlichkeit. Ausreden? Heute keine.

Im Keller wartet der Wascheimer auf mich, drin verstaut die Überreste Pflegemittelvorräte vom letzten Jahr. Kurze Inspektion. Einkaufsliste im Kopf zusammenstellen und die leeren Sonax-Dosen zur Seite legen. Zeit zum Opfer vollbringen und für Selbstkasteiung.

Das erste "Opfer" vollbringe ich bei ATU. Dafür, daß ich mein Cab das ganze Winter über vernachlässigt habe, breche ich meine Markentreue zu Sonax und entscheide mich für Lackpflegemittel von A1. Sollen sehr gut sein. Werden wir gleich sehen. Bei Felgenreiniger und noch ein Paar Sachen vertraue ich dennoch auf Bewärhtes von Sonax. Habe buchstäblich alle Hände voll. Das Mädel stellt mir grinsend eine Plastiktüte hin. Danke. Kostenpunkt? Ist das eigentlich wichtig? Es geht schließlich um Gewissensfragen...

Der do-it-yourself-Waschpark ist wie so oft samstagnachmittags auch diesmal zu einem informellen Stelldichein der (Asi-)tuningszene mutiert. Vorbei an zwei 3er BMWs und einem Lupo suche ich Zuflucht in die erste freie Waschbox und schaue mir die Tuningauswüchse an. Liegen alle ungefähr so tief wie das Saugstück eines Staubsaugers. Und die Analogien setzen sich in der Lautstärke der Anlagen und den verchromten Auspuffrohren fort. U

nd da steht auch noch etwas...ich reibe mir verwundert die Augen. Kann es denn sein? Nicht? DOCH! Ein radikal gepimpter Dacia Logan. Mit allem drum und dran. Tiefergelegt, geschätzt 18"-Felgen mit den passenden Reifen, Kotflügel verbreitert, Effektlack und und und. Müht mir einen Seufzer der Entrüstung ab. Welch ein Glück, daß der "böse Blick" mittlerweile selbst in der Szene out ist. Wenn der auch noch sowas hätte, wäre die Ansicht unerträglich.

Für ein Augenblick werde ich selbst auf die asozialsten Auswüchse der Tuningszene ein Bißchen neidisch. Die sind so schön glänzend und so top im Schuß. Kein Vergleich zu dem, was sich momentan mein Cabrio nennt. Meine Schuld, ich weiß. "Und dafür wirst du jetzt leiden", sage ich zu mir, ignoriere geflissentlich ich den Verbot von Eimer- und Handwäsche bei Hochbetrieb (hält sich je niemand dran). Schön den Schmutz einweichen und mit Schwamm alles gut einschäumen. Abgespült wird mit dem Hochdruckreiniger. Sieht schon besser aus.

Wenn schon leiden, dann richtig. Mit dem zweiten Eimer folgt eine um einiges gründlichere Wäsche. Mit Schwamm und Schaum, versteht sich. Hochdruckreiniger ist was für Warmduscher und Parkuhrbezahler. Nein, bitte keine Fragen. Ich bin schon froh, wenn ich mich mit Geschirrspülschwamm und Zahnbürste den Felgen widmen kann. Wohlwissend, spätestens bei Felge Nummer 3 würde ich mich lieber auf die nächste Runde freuen. Das Einschäumen der Reifen fühlt sich fast wie Sommer, Strand und Sonne an. Zigarettenpause, bis der Reifenschaum einzieht.

Passend zur Pause sorgen die Freunde der Tuningfraktion für gute Unterhaltung. Die zwei gepimpten 3er BMWs stehen nebeneinander, blockieren netterweise die Ausfahrt und es sieht so aus, als wären sie zu einem Drag Race angetreten. Mal der eine, mal der andere nimmt nen Ruck von 1-2 metern nach vorne, der andere zieht nach. Vier, fünfmal in Folge. Erst jetzt fällt es mir auf, daß der eine pechschwarz, der andere dagegen strahlend weiß lackiert ist. Filmreif, die Szene. Könnte es ohne weiteres auf irgendein Streifen wie "Bring Mich Werkstatt" schaffen. Die Welt ist eindeutig reif für nen zeitgemäßen "Manta Manta"-Remake. Der alte Rochen ist in Würden und Ehre zum Klassiker ergraut, die (asozialen) Wilden fahren jetzt 3er BMWs.
Da will jemand ausfahren. Dummerweise sind die zwei 3er im Weg und die Komödie findet ihr würdiges Finale. Der schwarze BMW legt einen Kavaliersstart hin und läßt und ist weg. Es bleibt eine bissige Rauchenwolke, die Minuten braucht, bis sie sich verzogen hat. Will garnicht wissen, wieviel Milimeter Reifenprofil der für einmal anfahren da liegengelassen hat. Eigentlich sollte an so einem Wagen die gleiche Warnung stehen wie an jeder Zigarettenschachtel. Jemand vom Waschparkpersonal redet mit den verbleibenden Liebhabern von Gummiabrieb ein Paar nicht so nette Worte. "Ihr übertreibt....Hausverbot..." und so ähliches kriege ich noch mit. Wenigstens gab's die Show für umsonst. Vergnügt fahre ich das Cab aus der Waschbox und parke an einem freien Platz zum polieren.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, denke ich mir, als ich die Gebrauchsanweisung auf der Politurdose lese. Nicht mit Watte polieren. Na schön. Selbst auf dem Weg zur höchsten Qual gilt es, Standfestigkeit zu bewahren und unerwartete Wendungen im Kauf zu nehmen. Ich fahre erst nach Hause.

Gut, daß das Einkaufszentrum nebenan lange auf hat. Drei Mikrofaser-Haushaltstücher kosten auch nicht die Welt. Und was im Haushalt sich so gut bewährt, daß selbst Frauen nichts zu meckern haben, muß wohl fürs Cab gerade gut genug sein, oder?

Wieder beim Cab lese ich die Gebrauchsanweisung für die Lackpolitur. Spezialschwamm mit Wasser tränken, bis er aufquillt. Verwirrt schaue ich auf das Stück undefinierbaren Stoffes, was mit in der Schachtel lag. Ein Streifchen, nicht dicker als eine Zigarette und gerade mal 10x1 cm in Abmessung. Und damit ist die Politur aufzutragen? Ach, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ausgiebig gewässert, quillt das undefinierte etwas zu einem formidablen Schwamm.

Inzwischen zieht die Dämmerung auf. In die letzte Qual des Tages stürze ich mich daher unverzüglich. Schwamm mit Politur tränken. Gleichmäßig dünn auftragen, ggf. nachdosieren. Und weil's so schön ist, immer weiter. Noch einmal. Bis zum Muskelkater und darüber hinaus. Anschließend mit dem Tuch polieren. Brav befolge ich die Gebrauchsanweisung. Bis zum bitteren Ende. Mein Hirn schaltet zum Selbstschutz ab. sonst wäre ich früher auf dem Gedanken gekommen, daß wahrscheinlich kein anderer als Marquis de Sade persönlich die Gebrauchsanweisung verfasst hat.

Die Sonne ist schon hinterm Horizont verschwunden, als ich fertig bin. Ein VW Touareg rollt auf dem Parkplatz und hält mir gegenüber an. Meine Arme sind ganz lahm und schmerzen, dennoch kann ich den Blick von der Motorhaube des Cabs nicht abwenden. Die Xenonaugen des Touaregs, das VW-Logo, das Kühlergrill, alles spiegelt sich darin so detailscharf ab, daß man ruhig die Haube als Spiegel zum Rasieren nehmen könnte. Lohn der Qual.

Müde fahre ich den Cab wieder in die Tiefgarage. Ist immer noch zu dunkel und ich zu groggy, um noch die Versiegelung gleich aufzutragen. Dennoch, mein Gewissen ist um einiges erleichtert. So, wie es sein müßte.

Und es kommt sogar sowas wie Freude auf. Aufs versiegeln, Innenraum putzen und so einiges mehr.

So, wie es eigentlich sein sollte...

One response to “Das schlechte Gewissen”

  1. Mama says:

    Така е, след като цяла зима не почисти нищо. Добре се посмях за твоя сметка. Сега очаквам да ме повозиш в чисто кабрио!

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