Abschied vom Winter

"Nee, nicht schon wieder", ist mein erster Gedanke an diesem Freitag morgen. Der Wecker schaut auf mich unerbittlich und sogar ein Bißchen böse mit seinen roten LED-Ziffern herab. Wie gewohnt, ist es 6 Uhr morgens, aus dem Radio kommen die Nachrichten und ich bin zu erschöpft, um dem Mistkerl so richtig einzuheizen. Fühle mich, als hätte ich nen Faustkampf mit ner Dampflok verloren. Selbst das umdrehen im Bett tut geradezu weh. "Ich mag nicht mehr", ist mein zweiter Gedanke, während ich für einen kurzen Augenblick erneut in die (Alp)traumwelt entschwinde.

6.35. SCHE§$#!#!!!! Die roten Ziffern des Weckers schauen mich unerbittlich an. Und um 7 muß ich los zur Arbeit. Mühsam stehe ich auf. Als hätte ich Knochen aus Blei und würde an Muskelschwund leiden. Ekelhaft. Ab ins Bad. Kaffee. Überlege, mich krankzumelden. Aus dem Radio die Stimme des stockschwulen Möbelträgers (ähhhm...soweit mein Hirn noch schalten kann, hieß der Robbie Williams oder so ähnlich). Auf alle Fälle genau das, was ich in meinem momentanen Zustand nicht hören möchte. Irgendwie ist mein innerer Schweinehund nach außen gedrungen und ich fühle mich wie eine grüne, gemeine und häßliche Kreatur, die in irgendwelchen stinkenden Sümpfen haust. Der Kaffee und das um 10 Minuten verschobene losgehen helfen da auch nicht so richtig.

Wo mein innerer Schweinehund heute morgen zu meiner zweiten Haut geworden ist, wird das Cab zu meinem schlechten Gewissen. Den ganzen Winter nicht gewaschen, dafür aber täglich für 2x50 km mit Dauertempi jenseits der 140 über die Autobahn gehetzt. Sieht aus, als hätte er mindestens 4 Wochen in unmittelbarer Nähe eines Zementwerks gestanden. Kippenberg im Aschenbecher. Der Stoßstange vorne sieht man nicht mehr die ursprüngliche Farbe an. Winterkleid. Zementgrau. Bin spät dran und habe keine Kippen. Was soll's. Halte an einer Tankstelle an, hole mir ne neue Packung Sargnägel und nutze die Chance, um den Aschenbecher zu leern. Wohl als Belohnung erbärmt sich der Gott aller Autobahnen und läßt den üblichen Morgenstau verschwinden.

Auf der ARbeit komme ich einigermaßen pünktlich an. Freitag. Chef ist heute nur den halben Tag da, alles verspricht relativ locker zu werden. Zu früh gefreut, der Tag besteht hauptsächlich als Ablenkungen. Was hatte John Lennon gesagt? "Leben ist das, was passiert, während man dabei ist, andere Pläne zu schmieden.". Gemessen an dem Satz stecke ich mitten im Leben. Aber sicher. Nicht nur mittendrin, sondern ein gutes Stück zu tief.

Zum Glück ist es nicht so, daß ich nicht solche Tage schon gehabt hätte. Die Aneinanderkettung von Ablenkungen bringe ich doch in dem normalen Zeitablauf unter. Wenn es mich nicht soooo sehr in die Sonne ziehen würde. Bin ich wohl selber schuld, wo ich an dem heutigen Tag gedanklich und stimmungsmäßig die Gestalt einer reptillienartigen Kreatur angenommen habe. Die meisten Reptillien lieben eben Sonne.

Und Sonne gibt es in Hülle und Fülle. Wohl der erste (gefühlte) Frühlingstag des Jahres. Auch wenn sich die Frühlingsgefühle situationsbedingt in nachlassender Konzentration und Motivation niederschlagen. Nur noch weg hier. Bloß Feierabend machen, bis es noch sonnig ist. Ein ketzerischer Gedanke schießt mir durch den Kopf und verfängt sich in dem gerade darin herrschenden kosmischen Vakuum. Doch nicht? Ach was! Hmm...

Das Verlassen der Klinik und das Aufsuchen des Parkplatzes gleichen eher einer schlecht getarnten Flucht. Bis ich am Cab angelangt bin. Aufschließen. Tür auf. Halb einsteigen, Zündung an. Verdeckgriff ziehen und dann 90° gegen den Uhrzeigersinn drehen, aus der Verriegelung heben. Wie gewohnt senken sich die Seitenscheiben mit einem leisen Surren ein wenig ab. Aussteigen. Verdeck zusammenfalten, Verdeckkasten-Verriegelungsknopf drücken. Kastendeckel spring bereitwillig auf. Sanft den Verdeck darin zusammenfallen lassen, zumachen. Alle Handgriffe sitzen. Alle herumliegenden "flugfähigen" Gegenstände sicher verstauen. Jacke zu. Einsteigen. Scheiben ganz runter. Radio an. Motor an.

Schon beim Rangieren ist es wieder da, dieses Gefühl, nicht einfach ein Auto, sondern ein Boot zu steuern. Nicht irgendeins. Fühlt sich alles wieder wie ein schönes GrandCraft-Boot. Musik noch lauter. Das herausfahren aus dem Parkhaus fühlt sich (fast) wie Vorspiel an. Scheiben lasse ich unten. Zeit für the real thing.

Raus aus der Seitenstraße, vorbei an die Bushaltestelle. Einige Kollegen (und Kolleginnen) warten auf dem Bus. Alles Psychiater. Na dann, viel Spaß. Vergnügt drücke ich auf die Hupe und winke im Vorbeifahren zu. Und es macht nen Heidenspaß. Kindisch? Ausgefallen? MIR EGAL! Und Mitnehmen ist heute auch nicht drin. Sorry Ladies, dieser Nachmittag gehört nur dem Cab und mir. Geschlossene Gesellschaft.

Bis ich auf die Autobahn komme, lasse ich die Scheiben unten. Temperatur dürfte nicht vielmehr als 10-12 Grad sein. Gefühlt sind es 20, und das liegt bestimmt nicht an meiner dicken Jacke und der voll aufgedrehten Heizung. Raus aus der Stadt beschleunige ich auf etwas mehr als die erlaubten 70. Der Fahrtwind beginnt an meiner Reptillienhaut zu zupfen und reißt sie Fetzen für Fetzen weg. Godobye, Sumpfkreatur!

Wie fast immer in den letzten Monaten sind die ersten Autobahnkilometer eine zähfließende blecherne Melasse. Ausnahmsweise aber gut so, da kann ich die Scheiben länger unten lassen. Hätte ich nicht geglaubt, daß selbst im zähen Verkehr mitschwimmen solche Glücksgefühle auslösen kann. Fühlt sich an fast wie das erste mal...

...oder das zweite! Die etwas aufgedonnerte, aber dennoch attraktive Blondine im Golf neben mir lächelt mich an. Hey, Blondie, wenn du nur wüßtest, schießt es mir durch den Kopf, zusammen mit einer gerade sich seeeehr fern anfühlenden Erinnerung an das Aufstehen heute. Ihr lächeln erwidere ich instinktiv und winke ihr zu, als sie an mir vorbeizieht. Gute fahrt Dir! In mein Erinnerungsbuch kommt sie genauso wie die Jaguar-Lady. Wann war das nochmal, letztes Oktober? Vor 10 Jahren? Vor 100?

Die leerer werdende Autobahn ermahnt mich zum nach vorne schauen und der Fahrtwind wird kälter als die Tachonadel sich der Zahl 140 nähert. Es wird kalt. Aber nur ein Bißchen. Wie bedrohlich und eisig hatte sich noch der Hauch des Winters vor kaum mehr als 3 Monaten angefühlt. Heute ist es gewiß kälter, aber der Schreck des Winters ist verflogen. Irgendwie ist selbst der Winter müde geworden und scheint keine Lust mehr zu haben. Am Himmel verschwimmt die orangene Abendsonne in graublauen Wolken, zerfließt wie ein Spiegelei, bis sich das orange nach und nach in das Grau der Wolken und dem verblaßten Kobaltblau des Himmels ganz auflöst. Als hätte ein 5-jähriger mit Aquarelfarben gespielt.

Die Ansicht erinnert mich an ein Gemälde. "Dream of the home country" von Shoko Kawasaki. Nicht nur wegen der Farbenwahl, sonder weil es mich so ausdrucksstark in dem Bann dieser Traumwelt auf der Leinwand zog, als ich es zum ersten mal sah. Heute schwingt die Wintersonne den Pinsel. Nur diesmal ist es keine Leinwand, es ist das Leben. Mein Leben...

Die aufziehende Dunkelheit macht mir nichts aus. Das erste mal seit Monaten verspüre ich nicht diese bleierne Schwere und diese drückende MÜdigkeit, die ich für Monate mit dem Heimkommen verbunden habe. Der Winter mag schon alt und lästig geworden sein, verabschiedet hat er sich aber schon mit einem Geschenk, was ich nicht so leicht vergessen werde.

Egal, wie das Wetter ist. Von nun an ist es Frühling.

One response to “Abschied vom Winter”

  1. Dani says:

    Das erinnert mich irgendwie an einen Text von Rosenstolz…

    Manchmal sind die Dinge gar nicht so
    Wie man sich`s vorgestellt hat- sondern besser
    Manchmal ist das einzige, was zählt
    Dass ich nicht nachdenke
    Sondern vergesse
    Mach die Lichter an
    Ich geh in Flammen auf

    (…)

    Ist der Frühling vorbei
    Fängt der Sommer erst an
    Unser Leben lang
    Unser Leben lang

    http://www.youtube.com/watch?v=DMB3cQzQa58

    Ich wünsch Dir viel Sonne 🙂

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