Schätzeisen

Eine schöne Sache an alten Kameras ist, wenn was kaputt geht, kann man immer noch (meistens) es selbst zerlegen und versuchen zu reparieren. So passiert mit dem Objektiv im Titelbild. Die langsamen Verschlußzeiten waren ein wenig zu langsam, also habe ich es zerlegt, das Hemmwerk vom Verschluß saubergemacht, geölt und alles wieder zusammengebaut.

So weit, so gut? Jain, ich habe es mir nicht genommen, auch die Verschlußzeiten zu testen. Geht mit dem Gadget von photoplug.de und einem Smartphone recht leicht. Das Ergebnis versetzte mich in Angst und Schrecken:

Verschlußzeit sollVerschlußzeit gemessen
1

1/2

1/4

1/8

1/15

1/30

1/60

1/125

1/250

1/500

1/0,7

1/1,4

1/2,7

1/7

1/12,3

1/22,6

1/46,2

1/117,1

1/199,2

1/391

Ein Teil von meinem Gehirn dachte, ich hätte das Objektiv nicht zerlegen sollen, ein anderes Teil schrie "nie wieder eBay!", ein drittes machte sich Gedanken über die Suche nach einem anderen Objektiv. Das kann nicht sein, und das von einem Seiko-Blattverschluß. Ist das ein Feinmechanikprodukt oder ein Schätzeisen? Umso erschreckender war es, daß es an dem Hemmwerk keinerlei Einstellmöglichkeit gab.

Mit bangem Gefühl maß ich die Verschlußzeiten von drei anderen Objektiven. Eins war ok, die anderen zwei zeigten die gleichen Abweichungen. Donnerwetter, wie soll man mit so einem Schätzeisen eine richtige Belichtung hinbekommen? Und das, wo das Filmlabor meines Vertrauens dazu rät, besonders S/W-Filme recht genau zu belichten...

Zum Glück gerate ich nicht so leicht in Panik und bin nicht umsonst der Sohn eines studierten Mathematikers. Man kann die Sache nämlich auch anders betrachten. Nimmt man statt Sekundenbruchteile die absoluten Werte für die Verschlußzeiten, ergibt sich folgendes Bild (Ergebnisse sind auf die dritte Nachkommastelle abgerundet:

Verschlußzeit sollVerschlußzeit gemessen
1

0,5

0,25

0,125

0,067

0,033

0,017

0,008

0,004

0,002

1,42

0,588

0,370

0,143

0,081

0,044

0,022

0,008

0,005

0,002

Interessant, bei den schnellen Verschlußzeiten bewegt sich die Differenz im "egal"-Bereich, solange man nicht auf die vierte und fünfte Nachkommastelle herumreitet. Die langsamen Zeiten sind eine andere Sache. Doch vieviel macht dieser Unterschied aus? Statt einer Sekunde läuft der Verschluß 1,42 Sekunden, das sind absolut 0,42 Sekunden mehr. Andererseits beträgt der Unterschied zur nächsten Belichtungsstufe hier eine Sekunde. Das ergibt für die relative Abweichung 0,42/1=0,42 Blendenstufen. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die vermeintlich kolossale Abweichung beträgt weniger als eine halbe Blendenstufe. Mal sehen, wie die Tabelle aussieht, wenn man die absoluten Abweichungen in Blendenstufen überführt:

Verschlußzeit sollVerschlußzeit gemessenAbweichung absolutAbweichung in EV
1

0,5

0,25

0,125

0,067

0,033

0,017

0,008

0,004

0,002

1,42

0,588

0,370

0,143

0,081

0,044

0,022

0,008

0,005

0,002

0,42

0,088

0,12

0,018

0,014

0,011

0,005

0

0,001

0

0,42

0,176

0,48

0,144

0,208

0,333

0,29

0

0,25

0

Insgesamt bewegen sich bis auf zwei Ausnahmen die Abweichungen im Bereich von weniger als 1/3EV. Nun stellt sich die Frage, ob der Blendenring am Objektiv so einen genauen und feinen Verstellbereich hat, daß man bis auf eine Drittelblende einstellen kann, ob die Belichtungsmessung bis auf 1/3EV stimmt und ob so eine Genauigkeit überhaupt nötig ist.

Ich persönlich kann mit soviel (Un)genauigkeit durchaus leben und sie würde mich nicht aufhalten, mit dem Objektiv auch Fotos zu machen.

P.S. Ich habe unerschrocken alle Objektive ausgemessen...

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