Eins mit der Kamera

Außer in Film zu investieren, hat mir mein Fotografie-Lehrmeister den Tip gegeben, eins mit der Kamera zu werden. Klingt metaphysisch, aber für jemanden, der schon seine zehn Tausend schlechtesten Bilder gemacht hat, ergibt es durchaus Sinn. Also hieß es, die neu gekauften Filme auch zu verwenden. Es sollte mir klar werden, daß dazu mehr als die bloße Bedienung der Kamera gehört.Es gibt nur einen Weg, eins mit der Kamera zu werden, und der ist, mit der Kamera Bilder zu machen. Ich legte frischen Film ein, packte den Rucksack und stürzte mich ins Abenteuer. Es fing schon beim Packen an. Getriebeneiger, Drahtauslöser, Paramender - es sind eben andere Dinge, die man für einen Ausflug mit der Mamiya C330 mitnehmen sollte. Man tut gut daran, schon beim Packen zu denken, um sich nicht über vergessene Teile zu ärgern. Rucksack umbauen inklusive.

Auf der Location angekommen, ging es ans Eingemachte. So eine alte und schwere Kamera fühlt sich auf einem Stativ am Wohlsten, und, da es eine Mamiya ist, kommt man sogar in dem Genuß eines pfiffigen Teiles, was Parallaxfehler ausschaltet. Das alles will erst einmal aufgebaut werden. Es sind, von der Seite aus gesehen, Kleinigkeiten, aber auch die müssen geübt werden. Klappte, zum Glück, alles problemlos.

Mit dem ganzen Aufbau ging es dann auf Motivsuche und hier fing das eigentliche "eins mit der Kamera werden" an. Wenn man nur 12 Aufnahmen auf einem Film hat, will man keine Fehlschüsse, also hieß es, sorgsam die Motive auszusuchen und noch sorgsamer einzustellen. Idealerweise noch bevor man durch den Sucher schaut. Beim Blick durch den Sucher beschlich mich fast das Gefühl, die Konstrukteure moderner Kamera müssen einfach die alten Schachtsucher im Kopf gehabt haben, als sie den "normalen" Sucher durch einen Bildschirm oder bei den DSLRs durch die LiveView-Funktion ersetzt haben. Es sollte auch das Teil der ganzen Übung werden, was am meisten Spaß gemacht hat. Bloß nicht vergessen, daß der Sucher alles seitenverkehrt abbildet.

Motiv einstellen, scharfstellen, Blende einstellen, Licht messen, Verschlusszeit einstellen, abdrücken. Eins mit der Kamera zu werden, heißt, jeden dieser Schritte und die Abfolge so einzuüben, das es einem ins Fleisch und Blut übergeht. Da ist erstaunlich viel, was man berücksichtigen und woran man sich gewöhnen sollte. Daran, wo die Einstellknöpfe am Stativ sind, so daß man blind danach greift. An das Scharfstellen auf der Mattscheibe - (wieder einmal) geht es darum, mit dem Auge auf dem Motiv zu bleiben und blind nach dem entsprechenden Rädchen zu greifen und dieses zu drehen. Auch den kleinen Kniff, sich die Jacke über dem Kopf zu ziehen als Ersatz für ein Einstelltuch, sollte man sich merken. Danach die Kamera mittels Paramender (das besagte Teil, was die Aufnahmelinse auf die Höhe der Sichtlinse bringt) hochfahren. Blende gleich doppelt einstellen - am Objektiv und in der Belichtungsapp. Die Bedienung der Belichtungsapp ist wiederum eine Sache für sich - man sollte nicht vergessen, die richtige Blende einzustellen, bevor man misst. Wenn schon messen, dann richtig, also wird auf die bestimmte Schatten gemessen und diese brav in Zone III platziert (Zonensystem lässt grüßen). Dann die ausgemessene Zeit auf den Verschluß übertragen.

Das bloße Abdrücken wirkt bei all dem fast antiklimaktisch. Man hat sich all die Arbeit für ein kurzes "klick" gemacht und am Ende kommt hinten lediglich ein Bild heraus. Man könnte jetzt darüber sinnieren, ob der Weg das Ziel wäre und ob das Ganze mehr oder weniger als die Summe aller Einzelteile ist, aber eins ist klar - man macht sich die Ganze Arbeit nur für ein Bild und mit jedem "klick" wird alles gewißermaßen zunicht gemacht und alles darf aufs neue wiederholt werden. Alle Schritte dürfen wiederholt werden und nach dem "klick" geht es aufs Neue los.

Es kommt mir fast vor, als würde ich nicht einfach Bilder machen, sondern über die Bilder meditieren. Mich in Achtsamkeit für die einzelnen Schritte üben, in Achtsamkeit über die Motivauswahl, das Einstellen, das Scharfstellen, Achtsamkeit für die Blende, Achtsamkeit für die Belichtungsmessung, Achtsamkeit für den Filmwechsel...

Ich bin noch neu und nicht so geübt, da dauert alles. Situationsaufnahmen sind nicht drin. Bis mit alles in Fleisch und Blut übergegangen ist, liegt noch ein Weg vor mir.

Um diesen Weg noch weiter zu gehen, lege ich noch einen frischen Film ein. Noch zwölf Aufnahmen, noch zwölfmal auf Bildersuche gehen und darüber meditieren.

Noch zwölf Schritte auf dem Weg, eins mit der Kamera zu werden.

Tom Klein, Danke für den Tip.

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