Auf Zollverein

Lang, lang ist's her, daß ich zur blauen Stunde mit der Kamera losgezogen bin und diese Ausflüge habe ich schmerzlich vermisst. Heute Abend ist es wieder soweit.

Ich verstaue den Fotorucksack im hinteren Kofferraum, steige in den Boxster und mache das Dach auf. Es ist ein sehr warmer Sommerabend. Der Feierabendverkehr ist längst abgeebbt und so komme ich in den Genuß fast leerer Straßen. Langsam geht es raus aus der Häusersiedlung und raus auf die Landstraße. Ohne mich hetzen zu müssen, lasse ich den Boxster genüßlich durch den Abend rollen.

Fast als Fortsetzung meines letzten Ausfluges habe ich mich als musikalische Untermalung wieder für Lana del Rey entschieden. Auf der einsamen Landstraße kommen mir die sehnsüchtigen Klänge fast esoterisch vor. Impulsiv muss ich an eine Kurzgeschichte  von Steven King denken, in der es um unheimliche Abkürzugen ging und um die Gefahren und die Welten, die auf solchen Strecken lauern.

Zum Glück führt mich die Landstraße nicht in eine andere unheimliche Welt, sondern nur zur Autobahn. Für Boxster-Verhältnisse fahre ich gemächlich, ohne den Tempolimit auszureizen. Ich weiß, wo ich hin will, der Navi weiß, wie ich hinkomme und bis zur Blauen Stunde ist es noch lang. Es ist mir sogar scheißegal, daß heutzutage jeder Vertreter-Diesel mehr Wumm hat als der Boxster. Die Musik aus den Boxen tut ihr übriges und legt einen fast verschlafen anmutenden Schleier der Ruhe über all das.

Bei Essen-Ost überkommt mich fast der Wehmut. Lange Jahre war das morgens mein Weg zur Arbeit. Gut kann ich mich daran erinnern und immer noch spüre ich einen Stich ins Herz - damals war es noch die Diva, mit der ich auf der Suche nach schönen Straßen und Erlebnissen zum Niederschreiben losgefahren bin.

Wenig später geht es runter von der Autobahn und quer durch Essen. Ich liebe diese Stadt, ich liebe sie gerade wegen der Mischung aus schicker Moderne und den Überresten des Ruhrgebiets, der Mischung aus Glanz und Verfall. Vorbei geht es an staubigen Fassaden, aufgelassenen Bahngelände, alten Zechensiedlungen, schicken Neubauten und modernen Industriegebieten. Ich genieße diese Kilometer in vollen Zügen. Nach so vielen Jahren hat sich irgendwie der Ruhrpott in mein Herz eingebrannt. Komisch, eigentlich bin ich nur zum Fotos machen hingefahren und täglich auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause da durch, aber irgendwie fühle ich mich ein Stück wie zuhause. Ganz zu schweigen davon, daß fotografisch das ganze immer noch ein gutes Stück "unfinished business" ist. Der Anblick der Kokerei-Kamine am Horizont verstärkt nur die Gefühle, in die ich gerade versunken bin.

Zeche Zollverein. Ehemals größte Steinkohlezeche der Welt, heute UNESCO-Weltkulturerbe und immer noch die schönste Zeche der Welt. Und fotografisch ein Stück auf meiner "to-do"-Liste.

Es ist noch reichlich Zeit, als ich parke, den Boxster zumache und mir den Rucksack umschnalle. Gemütlich spaziere ich bis zum (schon beim vorherigen Besuch vor Jahren) ausgeguckten Blickpunkt, um zu entdecken, daß ich nicht alleine bin. Ein anderer Fotograf hat auch schon seine Kamera auf den Stativ aufgestellt. Dicke EOS, Sirui-Stativ aus Karbon, muss wohl ein Profi oder sehr ambitionierter Amateur sein. Ich grüße ihn mit der (rhetorischen) Frage, ob er auch auf die blaue Stunde wartet. Blöde Frage, eigentlich sind wir beide auf der Jagd nach einem Standardmotiv.

Während ich meine Kamera aufbaue, kommen wir ins Gespräch. Er ist tatsächlich Profi und kommt im Auftrag aus Köln hierher. Aaaargh, auf einmal stelle ich fest, meine ArcaSwiss-Stativplatte ist verlorengegangen. Macht nichts, dann muß halt der Panoramakopf herhalten und die Bilder werden in Hochformat gemacht, fürs Querformat wird dann halt eine kleine Pano gestitcht. Improvisieren muss man.

Kamera ist schon aufgebaut, und wir unterhalten uns weiter. Zeigen uns Bilder. Sinnieren über HDRs und der damit verbundenen Pseudoästhetik. Der Himmel verdunkelt sich und langsam weicht die Abendröte dem blau der Nacht. Gottseitdank ist im Sommer die Blaue Stunde lang.

Das Blau wird langsam reif. Der Profi schießt seine Bilder und verabschiedet sich. Meine Bilder sind auch im Kasten, so sehe ich mich nach anderen Blickwinkeln um und entdecke einen, den ich schon bei meinem letzten Besuch im Kopf hatte. Noch während der Aufnahme spüre ich dieses Gefühl, daß das das Bild des Abends sein wird (viel später zuhause am Rechner sehe ich mich in diesem Gefühl bestätigt, doch das ist eine andere Geschichte).

Ein Paar Photoexperimente weiter ist der Himmel schon zu dunkel und es ist auchz für mich die Zeit gekommen, nach Hause aufzubrechen. Die einzige ungeklärte Frage bleibt die Musik. Nach einigem hin und her entscheide ich mich für Depeche Mode, The Singles 86-98.

Diesmal geht es auch durch die schickeren Teile der Stadt. Der Nachtverkehr beschert mir die Begegnung mit dem einen oder anderen offenen Cab und den üblichen Party Animals, dessen Karren vom Bassgedröhn jede Sekunde drohen, in ihre Einzelteile zu zerfallen. Ich atme tief ein und genieße den Geruch von Staub, heißem Asphalt, den Geruch der Stadt. Kann nicht anders. Aus der Anlage kommt "Behind the Wheel". Passt wie die Faust aufs Auge. Die Fahrt durch die Stadt zieht sich in die Länge, aber wenn es nach mir käme, könnte sie heute Abend ewig dauern.

Es ist nicht wesentlich kühler geworden, aber der Fahrtwind fühlt sich um einiges frischer an, als es wieder über die Autobahn geht. Essen verschwindet im Rückspiegel und der Rest der Fahrt ist, wie immer, viel zu schnell vorbei. Als ich den Boxster abstelle, wird mir wieder eine Sache bewußt.

Es war nicht das letzte mal. Ich werde es wieder tun.

No Comments Yet.

Leave a comment