Die “meiner ist länger”-Klasse

DKW hatte die "Meisterklasse". BMW hatte die "neue Klasse". Für Parvenues und altem Adel gleichermaßen gibt es schon seit dem 170er die Mercedes S-Klasse. Alles Autos mit einem gewissen Anspruch und genug technischer Substanz, um dies zu untermauern, jeder Hersteller auf seinem eigenen Wege, und die Modellreihen haben eine Klasse für sich etabliert. Das war einmal. Im Globalisierungszeitalter ist die Autoindustrie den umgekehrten Weg gegangen. Es sieht fast so aus, als hätten sich alle Autohersteller verschworen und gemeinsam eine neue Automobilklasse erschaffen - die "meiner ist länger"-Klasse. In Verkaufsprospekten und im Volksmund auch "SUV" genannt.

Schon der Name ist ein Oxymoron. Sport Utility Vehicle? Was soll man sich darunter vorstellen? Einen geräumigen Familienkombi/-van, mit dem man am Samstag vormittags zum Einkaufen und am Nachmittag mit Frau, Kind und Hund ins Phantasialand fahren kann, dazu noch schnell genug, um am Sonntag vormittag damit über die Nordschleife zu jagen. Und natürlich geländegängig, so daß man (falls man keine Lust auf Nordschleife hat) Geländeparcours bewältigen oder einfach mal (wie es die Werbung tausendfach suggeriert) einfach durch nen Schlenker ins Unwegsame den Stau auf dem Weg nach Hause umfahren kann? Bin ich der einzige, der dabei an einer Kreuzung aus Volvo 240, Porsche 911 und Willys-Overland denkt?

Läßt sich all das unter einem Hut (bzw. in einem Auto) unterbringen. Klares ja! Was dabei rauskommt, erinnert schmerzlich an ein Hybrid zwischen Tomate und Kartoffel. Nur daß die Genetiker wohl den falschen Weg eingeschlagen sind. In dem Versuch, eine Pflanze mit den Wurzeln einer Kartoffel und dem überirdischen Teil einer Tomate zu kreieren, ist das genaue Gegenteil rausgekommen. Trägt keine Früchte, sieht nicht gut aus und dazu noch sind Blätter und Stiel giftig. Und Ressourcen verbraucht es auch noch.

Andererseits, schauen wir uns mal die Hybride genauer an. Vielleicht gibt uns eine genauere Betrachtung dieser Fahrzeuggattung Aufschlüsse darüber, was für Leute denn sowas kaufen und fahren. In der Old- und Youngtimerszene gibt es ja genug Leute, die Fahrzeuge mit grottenschlechter Rostvorsorge, konstruktiven Mängel oder ganz fragiler Natur lieben, hegen und pflegen. Könnte sein, daß die SUVs in einer ähnlichen Nische passen.

Dimensionen. Anno 1996 habe ich mich am Steuer meines Volvo 244 gefühlt wie auf der Kommandobrücke eines Schlachtschiffes. Die Audi 100 (Typ 44) meines Vaters konnten diesem Gefühl noch eins draufsetzen. Die Vertreter der Gattung "SUV-Fahrer" können über sowas heute nur lachen. Sollen sie auch. Bis zur nächsten Parklücke. Oder bis zum nächsten Ausflug. Da wir in Deutschland sind, gibt es genug historische Altstadtkerne mit engen Gassen. Jetzt weiß ich, wieso die SUVs meistens auch Rückspiegel von der Größe, Form und Festigkeit einer Abrissbirne haben. Damit sie auch durch solch unwegsame Gebiete durchkommen. Wo ein Q7 ist, ist auch ein Weg! Selbst der legendäre T34-Panzer konnte das nicht viel besser. Obwohl Q7, Cayenne und Co, kommen von den Dimensionen eher dem ebenso legendären wie mit Fehlkonstruktionen gespickten Königstiger näher.

Zuladung. Von einem Freund erfuhr ich die Geschichte eines LandRover-SUV-Fahrers, der sein heißgeliebtes Panzer verkauft hätte, weil das Kindersitz nicht reingepasst hat. Da fiel mir ein, wie ein Volvo 244 bei einer Haus-Kernsanierung als Kleinlaster herhalten müßte. Eine halbe Tonne (ja, 500 Kilo) Zementsäcke im Kofferraum waren kein Problem. Den heutigen BMW X5-Fahrer, der es schafft, 10 Zementsäcke über die Ladekante zu hieven, müßte ein näherer Verwandter von Schwarzenegger, Stalone&Co. sein. Hoffentlich macht das auch die Federung mit. Wie man besagte Zementsäcke in dem Kofferraum eines BMW X6 unterbringt, das möchte ich seeeehr gerne sehen. Wo verschwinden dann die 5-6 Meter Länge und fast 2 Meter Breite? Jedes US-Pickup aus den 60ern und 70ern kann das besser. Ein Ford Granada Tournier oder Passat Variant sowieso.

Geländegängigkeit. Durch ihre Hochbeinigkeit, Reifen im LKW-Format und Allradantrieb haben ja SUVs den Anspruch, geländetauglich zu sein. Irgendwie kommen mir die 90er in Erinnerung und ein ganz besonderer Vorgänger der heutigen SUVs, nämlich der Isuzu Trooper alias Opel Frontera. Ein Bekannter vor mir war mit Frau und Kindern im alten Jeep Wrangler auf Wochenendausflug zu einem See. Wildparken (inkl. Seeufer) erlaubt. Ein etwas nachlässig geparkter Passat Variant hat seine Amphibieneigenschaften entdeckt. Als erster hat sich irgendein SUV-Fahrer mit seinem Frontera daran versucht. Das ende der Geschichte - um endlich den Passat aus dem See zu bergen, hat besagter Bekannter von mir erst den im Schlamm bis zu den Radnaben festsitzenden Frontera aus seiner Misere befreien müssen.

Dabei war sein Wrangler lediglich das abgespeckte Vierzylindermodell, dafür aber mit Geländeuntersetzung und manuell sperrbarem Mitteldifferential. Alles nützliche technische Details, relativ einfach zu bedienen und im Gelände unerläßlich. In modernen SUVs sucht man sie oft vergebens. Entweder sind sie überhaupt nicht da oder sind diese billigen und hier und da genial einfachen Teile (man denke nur an die Viskokupplungen bei Subaru) durch teure Elektronik ersetzt. Die natürlich meistens alles andere tut, als das, was sie tun sollte. Und das soll was fürs Gelände sein? Sorry, selbst der Lada Niva kann das besser.

Fahrleistungen. In Zeiten freiwilliger Herstellerseitiger Selbstbeschränkung auf 250km/h versagen so etliche dieser Straßenkreuzer kläglich, auch nur diese Marke zu erreichen. Sollten eigentlich eher Slow Utility Vehicles heißen. Nun gut, gehen wir mit der Klasse nicht so hart ins Gericht, die Hersteller wissen um das Problem, zweikommairgendwas Tonnen Blech auf Mach1 zu beschleunigen, allzu gut. Das Problem wird auf klassische Art und Weise gelöst, nämlich durch größere Motoren. Oder wie tönten schon in den 20ern die Bentley Boys? "There's no replacement for displacement!"

Richtig! So kommt der SUV-Fahrer in dem Genuß von V12-Motoren, die eine weitaus bessere Figur in einem Straßenrennwagen gemacht hätten. Oder es wird in die firmeneigene Trickkiste gegriffen und Motoren aus dem LKW-Bau "zweckentfremdet". Schade nur, daß weder Hersteller noch Zubehörhandel passend dazu Planieraufsätze oder Vollstahl-Laufrollen anbieten. Damit ausgestattet, wäre so ein Fahrzeug für Häuslebauer interessant. Als Walze und Planierraupe erst recht des Namens Sport Utility Vehicle würdig.

Zum Thema Fahrleistungen gehört natürlich auch der Verbrauch. Neulich las ich von jemandem, sein BMW X5 würde bei defensiver Fahrweise nur 10,7 Liter Diesel/100 Km. verbrauchen. Was mir in Gedanken gekommen ist - im Audi 100 Avant mit 2-liter-Turbodiesel hat man die gleichen Fahrleistungen für glatt 3-4 Liter/100 Km. weniger. Mehr Fahrspaß, eine niedrigere Ladekante und günstigeren Versicherungs- und Steuertarifen inklusive.

Design und Sicherheit. Bei der Gestaltung dieser Kreaturen haben sich die Autohersteller wohl klassischer Beispiele bedient, über Leonardo Da Vinci bis in das antike Griechenland reichen. Leonardo hat schon rollende Festungen gezeichnet. Die alten Griechen haben sie Jahrhunderte vor ihm gebaut, als sie den Stadtstaat Rhodos erobern wollten. Für geschichtsinteressierte  - das Bauwerk hieß "Hellepolis" (übersetzt: "der, der Städe erobert"), war nicht nur groß und häßlich, sondern bleib auch im Schlamm vor den Mauern Rhodos' stecken, wurde zerstört und aus seinen Überresten der Koloß von Rhodos gebaut.

Türme auf Rädern wurden bis ins Mittelalter gebaut. Nur nannte man damals sowas nicht SUV, sondern Belagerungsmaschine. Im ersten Weltkrieg fanden diese Entwicklungen endlich in der Form von Panzern einen würdigen Nachfolger. Somit könnte man beim SUV von einem modernen Designklassiker sprechen. Eigentlich sollte ein prototypischer SUV auch im New Yorker Museum Of Modern Art stehen. Am besten als Diorame, wie er den (ebenso in dem Museum ausgestellten) VW Käfer überrollt. Der Cadillac SUV oder der Hummer böte sich für dieses moderne Kunstwerk geradezu an - genau wie seine Vorfahren ist er nicht nur groß und schwer, sondern auch überaus häßlich.

Wie man sieht, ist Design sowohl bei den modernen SUVs als auch bei ihren Vorfahren mit Sicherheit verknüpft. Früher war das logisch, sie müßten sich gegen Festungen, Stadtmauern und Katapulten behaupten. Heutzutage gegen Autos im normalen Verkehr. Welch ein Glück, daß sie heutzutage keine Kanonen mehr besitzen.

(Überhol)prestige. Wenn ein 911er oder BMW 850 im Rückspiegel kommt, mache ich die linke Spur frei. Ab und zu bin ich auf der Autobahn auch von einem Morgan +8 oder einem TVR überholt worden. Solchen Autos schaue ich auch gerne nach.  Selbst der eine oder andere extrem gepimpte 3er BMW hat manchmal was sehenswertes dran. In diesel Fall aber scheint der PS-Entwicklungsstand des Autos weit über den Erziehungsstand des Fahrers zu liegen. Und wie ist es mit den SUVs? Hier über lasse ich das Wort einem Freund: "Ich finde es immer etwas beklemmend, wenn ich im Mini unterwegs bin und plötzlich 4 mülleimerdeckelgroße Audi-Ringe das Rückfenster ausfüllen sehe und ich den Sog des Kühlerventilators spüre...dann ist wieder ein Q7 am Drängeln."

Besagter Freund fährt wohlgemerkt einen "neuen" Mini. Im echten Mini wäre so ein Erlebnis wohl der Stoff, aus dem Alpträume sind. Komisch, aber besagter Freund hat sich nie negativ über drängelnde 911er oder Corvettes geäußert.  Also, liebe SUV-Fahrer, merkt es euch bitte, "Prestige" kommt nicht von "Protzen".

A propos, die Fahrer. Was für Leute sind es, die überhaupt SUVs kaufen und fahren? Diesem Rätsel bin ich momentan auf der Spur. Wer kauft denn so ein Fahrzeug, was teuer ist und alles kann, dafür aber nichts halbwegs gut?  Für mein Teil glaube ich, das sind die gleichen Leute, die kistenweise bei eBay oder im Fachhandel Dom Perignon bestellen. Ein Connoiseur hat mal gesagt: "Dom ist für Leute, die nicht das Unterschied zwischen einem guten und einem hervorragenden Wein kennen, aber was teures wollen".

One response to “Die “meiner ist länger”-Klasse”

  1. Dani says:

    Absolut klasse!
    Hab herzlich gelacht und der Artikel ist definitiv wahr!

    Es sind übrigens viele SUV-FahrerINNEN, die ihre Kids im X6 zum Kindergarten fahren und auf dem Rückweg beim Ökobauern noch ungespritzte Äpfel holen – denn für die Kleinen nur gesunde Kost….und dabei nen CO2-Ausstoß wie ne Kleinstadt. Ja ne is klar 🙂

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.